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teribloG Rezensionen 2007-2009



Rezensionen ab 2010

 

Autor: Gerhard Jochem

Datum: 23.07.2016

Titel: Gisela Naomi Blume: Der jüdische Friedhof Obernzenn 1613 - 2013. Mit einem Beitrag von Michael Schneeberger. Neustadt a.d. Aisch 2013, 544 S., Einsteckplan des Friedhofs, zahlr. sw- und Farb-Abb. ISBN 978-3-929865-62-2 (= Freie Schriftenfolge der Gesellschaft für Familienforschung in Franken Bd. 24).

 


 

Ihre Friedhöfe bilden neben den ehemaligen, oft bis zur Unkenntlichkeit umgebauten Synagogen die einzigen augenfälligen Zeugnisse, die von den zahlreichen jüdischen Landgemeinden in Franken noch existieren. Zusätzlich speichern sie biografische Informationen, die auch für die in der Region gelegenen Städte und darüber hinaus relevant sind, da viele Familien im 19. Jahrhundert von hier über Zwischenstationen bis nach München, Frankfurt oder Berlin weiterzogen.

Die Vf., ehemalige Vorsitzende der Fürther Kultusgemeinde, die als wichtigste Referenzen auf das 1997 erschienene Gedenkbuch für Opfer der Schoa aus ihrer Heimatstadt und die Dokumentation des dortigen Alten Jüdischen Friedhofs (2007) verweisen kann (s.u. Links), nahm als Autodidaktin mit jahrzehntelanger Erfahrung die Mühe auf sich, nicht nur die 377 seit dem 18. Jahrhundert noch erhaltenen Grabsteine oder -fragmente in dem westmittelfränkischen Adelssitz fotografisch zu erfassen und ihre Inschriften zu entziffern, sie legte selbst Hand an und reinigte die Grabmäler. Angeregt wurde sie dazu durch Gerhard Rechter, den 2012 verstorbenen Leiter des Staatsarchivs Nürnberg, der sich intensiv mit der Geschichte der Freiherren und Grafen von Seckendorff und ihrem Archiv beschäftigte und aus dessen Forschungen und Publikationen sie schöpfen konnte. Daneben standen ihr als Quellen v.a. die mittelfränkischen Judenmatrikel im Staatsarchiv 1813 - 1861 sowie Geburts-, Trauungs- und Sterberegister der Gemeinden aus dem 19./20. Jahrhundert zu Verfügung. Gräberlisten sind nur für den neueren Teil des Friedhofs vorhanden.

Den Hauptteil des Buches nimmt das Verzeichnis der Gräber ein (S. 61 - 426), dessen Einträge den Text des Steins sowie den Namen, Beruf, die Lebensdaten, Wohnung, Eltern und ggf. den Gatten des Verstorbenen enthalten. Ergänzt wird der Datensatz durch Informationen über den Zustand der Grabstätte und, sofern vorhanden, weitere biografische Details über den Toten, etwa Verwandtschaftsverhältnisse. Die Erschließung der genealogischen Angaben erfolgt über umfangreiche Stammtafeln (S. 431 - 517) und einen Namensindex.

Der Beitrag von Michael Schneeberger, dem 2014 ebenfalls verstorbenen Experten für jüdische Familienforschung, stellt die Ergebnisse der Vf. in einen größeren Kontext, indem er die Geschichte der Gemeinden darstellt, die ihre Toten hier bestatteten: die im Seckendorffischen Obernzenn und Egenhausen, im markgräflichen Kaubenheim und Lenkersheim sowie in Ickelheim, das dem Deutschorden gehörte. In der ehemaligen Reichsstadt Windsheim durften sich Juden nach ihrer Vertreibung 1499 erst wieder 1870/71 ansässig machen, von denen der erste 1879 in Obernzenn beerdigt wurde. Am Ort selbst ist eine jüdische Gemeinschaft seit 1593 nachweisbar. Nach Schätzungen wurden auf ihrem Gräberfeld seit seiner Einrichtung 1613 zwischen 800 und 900 Menschen bestattet. Zu seiner Geschichte gehören unweigerlich auch mehrere Schändungen zwischen 1909 und 1979, deren verheerendste und infamste während der NS-Zeit stattfand, als Teile des Geländes von der SA als Reitplatz (!) genutzt wurden.

Fragt man nach dem Sinn eines solchen Inventars, so liegt er angesichts der Bedeutung des Totengedenkens im Judentum zweifellos nicht zuletzt auch auf religiöser Ebene. Daneben ist es ein weiteres Mosaikstück zur Rekonstruktion und Sicherung historischer Fakten sowie zur Lokal- und Regionalgeschichte, wenngleich die Ergebnisse, die wegen der Lücken in der Überlieferung mitunter fragmentarisch bleiben müssen, an die zerbrochenen und verwitterten Grabsteine erinnern.

Wieder haben Laienforscher im besten Sinne von persönlichem Engagement und in der Praxis erworbenem Wissen hierzu Grundlagenarbeit geleistet - der Regelfall, wenn man für Mittelfranken vom monumental akribischen Band des Judaisten Peter Kuhn über den Friedhof in Georgensgmünd absieht (s. Link). Die planmäßige landesweite Erfassung der Begräbnisstätten bleibt ein bis heute unerfüllter Wunsch der jüdischen Geschichtswissenschaft.

Links:

Gisela Naomi Blume: Gedenke - Remember - Yizkor. Zum Gedenken an die von den Nazis ermordeten Fürther Juden 1933 - 1945

Gisela Naomi Blume: Der alte jüdische Friedhof in Fürth 1607 - 2007

Peter Kuhn: Jüdischer Friedhof Georgensgmünd


Tag:
#Blume_Obernzenn

 

Autor: Gerhard Jochem

Datum: 02.07.2016

Titel: Stefanie Fischer: Ökonomisches Vertrauen und antisemitische Gewalt. Jüdische Viehhändler in Mittelfranken 1919 - 1939. Göttingen 2014, 368 S., 16 sw-Abb., ISBN 978-3-8353-1239-5 (= Hamburger Beiträge zur Geschichte der deutschen Juden Bd. LXII).

 


 

Die Druckfassung der 2012 am Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin abgeschlossenen Dissertation ist der Ertrag eines angesichts der Quellenlage mutigen Unterfangens, da nach der Vertreibung und Vernichtung der deutschen Juden bis 1945 praktisch keine Unternehmensunterlagen mehr vorhanden sind, die schon zuvor in einer nicht zu umfangreichen schriftlichen Aufzeichnungen neigenden Branche selten waren. Dennoch hat die Vf. mithilfe kundigen Archivpersonals verwertbare Dokumente gefunden, v.a. in den Landratsamtsbeständen und Wiedergutmachungsakten des Staatsarchivs Nürnberg. Ergänzend führte sie Interviews mit jüdischen und nichtjüdischen Zeitzeugen bzw. ihren Nachfahren. Es bleiben aber gravierende Überlieferungslücken, etwa die noch nach dem II. Weltkrieg kassierten Finanzamtsakten, die die Aussagemöglichkeiten trotz des Fleißes der Vf. bei der Materialsuche merklich einschränken und nur eine schlaglichtartige Darstellung des komplexen Themas erlauben. Dieses Manko kann auch durch die Fülle der verwendeten Literatur nicht kompensiert werden.

Fischers Arbeit kreist um den Begriff des Vertrauens zwischen jüdischen Händlern und christlicher Umwelt unter geschichtswissenschaftlichen, soziologischen, volkskundlichen und psychologischen Aspekten, das zwischen beiden Gruppen immer situationsgebunden war: Man brauchte einander als Geschäftspartner, pflegte aber deshalb nicht notwendig gesellschaftliche Kontakte, obwohl auch im ländlichen Raum die jüdische Minorität seit dem 19. Jahrhundert nach Integration strebte. Seit der Machtergreifung wurde diese brüchige Symbiose durch juristische Maßnahmen zerstört, die die Bauern zunächst noch aus Eigennutz - jüdische Händler zahlten bessere Preise als die Erzeugergenossenschaften - unterliefen, wobei schon 1930 das antisemitisch motivierte Schächtverbot in Bayern einen herben Schlag für das Gewerbe bedeutete.

Den geografischen Schwerpunkt der Untersuchung bildet (Südwest-)Mittelfranken mit Ellingen, Gunzenhausen, Leutershausen, dem Markt Berolzheim, Rothenburg o.d.T. und Treuchtlingen, mithin ein Landstrich, in dem die Nazis schon während der Weimarer Republik ihre Hochburgen besaßen. Die dort gemachten Befunde werden anhand der Forschungsliteratur mit denen in anderen Regionen verglichen, z.B. Ostfriesland oder dem Elsass.

Für den ganzen Regierungsbezirk hat die Vf. im Stichjahr 1929 160 von 430 Viehhandelsbetrieben oder 37 Prozent als jüdisch identifiziert, was allerdings nichts über deren Geschäftsvolumen aussagt. Dieser Anteil liegt deutlich über dem der Juden an der Gesamtbevölkerung, scheint aber geringer als man angesichts des allgegenwärtigen Klischees vom Viehjuden vermuten würde, auch im Vergleich mit der Dominanz der Minderheit im Nürnberger Hopfenhandel zur gleichen Zeit. Den Vertretern des Gewerbes in den größeren Städten wie Nürnberg, Fürth und Erlangen misst das Buch eine qualitativ und quantitativ noch geringere Bedeutung zu, wobei es keine absoluten Zahlen nennt (nach eigenen Recherchen bestanden in Nürnberg 1930 11 jüdische Viehhandlungen - GJ), weshalb sie trotz des im Untertitel formulierten Anspruchs auf Gültigkeit für Mittelfranken nur sporadisch in Erscheinung treten. Dies ist wohl auch dem Quellenmangel geschuldet, darf aber nicht wie bei Jakob Rindsberg zur Begründung der Behauptung dienen, sein Schicksal sei unbekannt (S. 230, Fn 106). Tatsächlich wurde der greise Großhändler von den Nazis 1937 mit haltlosen Vorwürfen in den Selbstmord getrieben, was unschwer in der Literatur nachzulesen ist (Gerhard Jochem: Endstation Finkenstraße: Jüdische Viehhändler in St. Leonhard und die Deportation am 10. September 1942. In: Leonharder Lesebuch. Nürnberg 2011, S. 18 - 21, s.u. Link), die in diesem Fall jedoch nicht von der Vf. rezipiert wurde.

Unabhängig von der Zahl der hier ansässigen Handelsbetriebe war die jüdische Präsenz in Nürnberg als zentralem Umschlagplatz und weitaus größtem regionalem Absatzmarkt erheblich: Eine parteiamtliche Quelle von 1935 (S. 227) bezeichnet zweidrittel der früher auf dem Viehmarkt aktiven Händler als Juden, die durchschnittlich siebzig Prozent des Umsatzes erwirtschafteten. Die Händler vom Land verkauften eine so sensible Ware wie Lebendvieh mit Sicherheit persönlich in der Stadt an Grossisten oder Endkunden und waren somit ein wichtiges Bindeglied zwischen beiden Gebieten. Über diese Funktion und ihre gesellschaftlichen und ökonomischen Auswirkungen hätte man gerne mehr erfahren.

Wegen der Bedeutung der den Nazis verhassten jüdischen Kaufleute gehörte das Nürnberg Streichers und Liebels zu den ersten Kommunen im Reich, die ihnen bereits im September 1933 den Zutritt zum Viehmarkt verboten, was man allerdings auf Weisung aus Berlin zurücknehmen musste. Die weitere lokale Entwicklung wird bis zu ihrem endgültigen Ausschluss im Dezember 1934 auf den S. 227 f. knapp wiedergegeben.

Trotz unerfüllter Desiderate und Schwächen kann man die Arbeit mit Erkenntnisgewinn lesen, etwa den Abschnitt über die Familien der Händler (S. 69 - 92), insbesondere die Rolle der Frauen (S. 76 - 85), in den auch Nürnberger Biografien einfließen. Auf der Grundlage von Gerichtsakten aus der Nachkriegszeit detailliert beschrieben werden die Stigmatisierung und Verfolgung der jüdischen Bevölkerung nach 1933, die im engen dörflichen Lebensraum sozial und moralisch noch verheerender für die Betroffenen waren als in den Städten.

Links:

Leonharder Lesebuch

Jüdische Gewerbetreibende, Ärzte und Rechtsanwälte in Nürnberg 1930


Tag:
#Fischer_Viehhaendler

 

Autor: Gerhard Jochem

Datum: 12.06.2016

Titel: Herbert und Claudia Dommel: Markt Bechhofen an der Heide. Biographisches Gedenkbuch an die Opfer der Schoa und deren Familien. Zur Erinnerung an unsere jüdische Bevölkerung. Hg. v.d. Evang. Luth. Kirchengemeinde Bechhofen. Bechhofen 2013, 71 S., zahlr. sw- & Farbabb., 3,50 EUR. Erhältlich im Rathaus Bechhofen (Martin-Luther Platz 1, 91572 Bechhofen, Tel.: 09822 - 60 60, E-Mail: rathaus[ät]bechhofen.com)

 


 

Die reichlich illustrierte und mit Quellen- und Literaturnachweisen versehene Broschüre enthält Kurzbiografien der 32 in der Schoa ermordeten Menschen aus dem westmittelfränkischen Marktflecken, der für seine einzigartige, prächtig ausgemalte Scheunensynagoge berühmt war, sowie den Versuch der Rekonstruktion ihrer Familien, unter denen die größten die Bechhöfers, Schüleins, Steindeckers und Wohlfarths waren. Dabei kam die Recherche einem Puzzle gleich, da viele der Betroffenen den Ort verlassen hatten und zuletzt in Großstädten wie München, Frankfurt, Stuttgart oder Nürnberg lebten.

Das Ergebnis dieser mühevollen Arbeit bietet viele Ansatzpunkte für weitere Forschungen und ist ein Beispiel für die wichtige Grundlagenarbeit, die auf dem Gebiet der deutsch-jüdischen Geschichte von Heimathistorikern geleistet wird.

Link:

Herbert Dommel: Vom Händler zum Pinselfabrikanten. Die Familien Schloß & Steindecker. Jüdische Arbeitgeber in Bechhofen


Tag:
#Bechhofen_Gb

 

Autor: Gerhard Jochem

Datum: 05.06.2016

Titel: Lilian Harlander, Bernhard Purin (Hg.): Bier ist der Wein dieses Landes. Jüdische Braugeschichten. Katalog zur gleichnamigen Ausstellung des Jüdischen Museums München. München 2016, 256 S., zahlr. sw- & Farbabb., 29,90 EUR, ISBN 978-3-86222-211-7

 


 

Der einzige subjektiv empfundene Mangel des überaus informativen Werks, welches ein süffiges Thema, das wie in einem Kaleidoskop Volkskunde, jüdische, Wirtschafts- und Sozialgeschichte verbindet, vorweg: Wegen seines Gewichts und Formats ist es nicht zur Lektüre im Biergarten geeignet, sodass man die Abbildungen der wunderschönen Exponate und die Texte nicht am angemessenen Ort mit dem einzig passenden Getränk genießen kann.

Dies schmälert nicht das große Verdienst der Ausstellung und ihres Begleitbands, die erstmalige Darstellung der faszinierenden und vielschichtigen Rolle jüdischer Unternehmer bei der Entstehung des Weltruhms bayerischen und insbesondere Münchner Biers in einer Phase der produktiven und lukrativen Kooperation, z.B. zwischen protestantischen Hopfenbauern in Franken, katholischen Brauern in München, Glasbläsern im Bayerwald und eben diesen als Vermittlern, Brauherren und Vermarktern.

Durch ihre Herkunft aus ländlichen Gebieten und ihre traditionelle Handelstätigkeit, gepaart mit dem Vorhandensein von Barkapital, brachten Juden ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis 1933 spezifische Impulse in den bayerischen Hopfenhandel, das hiesige Brauwesen und den Vertrieb mittels finanzieller Investitionen, Zubehör, Werbung, Netzwerken und Logistik ein. Dabei ist anzunehmen, dass das geschäftliche Engagement gerade für den Gerstensaft, mithin einem zentralen Bestandteil des Deutschtums, auch ein Versuch der sozialen Integration der Minderheit war.

Abgedeckt wird eine große Spannweite von Themen, u.a. ausführlich die Geschichte der Schüleins als wichtigster jüdischer Familie im Münchner Brauereiwesen (Unions- bzw. Löwenbräu), die aus dem mittelfränkischen Thalmässing stammte, der Hopfenhandel im Abschnitt Über jüdische Hopfenhändler in Bayern (S. 52 - 69), in dem auch die zentrale Rolle Nürnbergs angemessen gewürdigt wird, was angesichts des weitgehenden Mangels an fundierten Arbeiten hierüber sehr schätzenswert ist, bis zur nicht zuletzt von Emigranten geprägten Biergeschichte in den USA und Israel.

Besonders eindrucksvolle Schaustücke liefert die Sektion über die in der Branche der Bierkrugveredelung tätigen Firmen, in der auch zahlreiche biografische Bezüge zu Franken aufscheinen. Überhaupt ist im Jüdischen Museum München ein einmaliger Fundus an einschlägigen Krügen, Gläsern, Bierfilzen, Plakaten, Modellen und Dokumenten entstanden, für den zu wünschen ist, dass er zur Nachhaltigkeit des Großprojekts beiträgt, um auf ganz Bayern, Deutschland und international auszustrahlen, den Themenkomplex im lokalen Münchner Bewusstsein zu verankern und zu weitergehenden Forschungen anzuregen.

Wir sind stolz darauf, Beiträge zu der Präsentation geliefert zu haben, v.a. durch das ausführliche Zitat im Kapitel über die Schloßbrauerei Kaltenberg (S. 180 - 189) aus den Erinnerungen des Zeitzeugen Peter Sinclair als dortiger Brauerlehrling (S. 182). In der Ausstellung wird sein autobiografischer Text auf unserer Website (s. Links) in einer Audioinstallation von einem Sprecher vorgetragen.

Auch wenn die Fragen, ob es eine Lieblingsbiersorte unter Juden gab bzw. gibt und ob zumindest in Deutschland ein Zusammenhang zwischen Bierkonsum und Antisemitismus besteht - schließlich wird im Englischen Hitlers versuchter Staatsstreich 1923 als Beerhall Putsch bezeichnet - sind Ausstellung und Buch Bier ist der Wein dieses Landes ein Gewinn für die Geschichtslandschaft. Sie zeigen wieder einmal den Verlust, den unsere Kultur durch die Vertreibung und Ermordung der jüdischen Deutschen bzw. Bayern erlitten hat.

Links:

H. Peter Sinclair: Von Siegel zu Sinclair: Eine jüdische Familiengeschichte unserer Zeit

Geschichte des Hopfenhandels in Nürnberg


Tag:
#Bier

 

Autor: Gerhard Jochem

Datum: 19.12.2015

Titel: Daniel Roos: Julius Streicher und Der Stürmer 1923 - 1945. Paderborn 2014, 535 S., 62 sw-Abb., ISBN 978-3-506-77267-1

 


 

Die umfangreiche Würzburger Dissertation erhebt in ihrem Titel den Anspruch einer Verbindung aus Biografie des mittelfränkischen NSDAP-Gauleiters und Geschichte des von ihm gegründeten und bis zuletzt herausgegebenen Schmutzblattes, das zu seinem Ruf und - als sein Eigentum - auch zu seinem Vermögen beitrug. Hierfür wählt der Autor eine bis auf den knapp siebzigseitigen Abschnitt Der "Stürmer"-Komplex chronologische Gliederung, in der sich Lebenslauf und Entwicklung des Nazi-Propagandaorgans vermischen bzw. die neben dem Bestand Sammlung Streicher im Staatsarchiv Nürnberg als Hauptquelle für alle Aspekte des Themas dienenden, ausführlich zitierten Originalartikel und ihre Kommentierung beide überlagern. Auf der Strecke bleibt bei dieser Methode ein konsistentes Charakterbild Streichers, der oft hinter seinem Machwerk aus dem Blickfeld gerät, sodass das Buch nur etwa zu einem Drittel als Biografie anzusprechen ist, deren Fakten man sich über mehr als fünfhundert Seiten zusammensuchen muss und die wenig Neues bietet. So übernimmt der Vf. auch unkritisch die gängige Geschichte von Streichers Unwissenheit über die Planungen zur Reichskristallnacht (S. 332 f.) beim Treffen der Alten Kämpfer in München am 9. November 1938 anlässlich des Jahrestages des gescheiterten Putsches von 1923, an dem er natürlich teilnahm, und die Goebbels in seinen Tagebüchern beschreibt. Würde sie stimmen, so hätte Hitlers Duzfreund den Kameradschaftsabend vorzeitig verlassen, nach Nürnberg rasen und sich sofort ins Bett legen müssen, um erst dann vom SA-Führer von Obernitz aufgeweckt und informiert worden zu sein - während zeitgleich einige seiner Gauleiterkollegen in der Landeshauptstadt als Pogrom-Touristen wirkten und sich dort an der Aktion beteiligten. Die vom Vf. angegebenen Zeugen für Streichers Indifferenz und damit Unschuld haben allerdings einen Fehler: Als sein Sohn und sein Chauffeur entstammten sie seinem persönlichen Umfeld.

Auch die Auseinandersetzung mit dem Stürmer, seiner Entwicklung, Arbeits- und Wirkungsweise bleibt selbst angesichts der Unmenge von Zitaten und verwerteter Sekundärliteratur hinter dem möglichen Erkenntniswert zurück, da die behandelten Bereiche recht willkürlich erscheinen und nicht konsequent ausdiskutiert werden. Hierbei irritiert besonders, dass der Vf. trotz Angabe im Quellenverzeichnis den Bestand E 39 "Stürmer"-Archiv im Stadtarchiv Nürnberg nicht verwendet hat, was für ein Kapitel Redaktionelle Arbeit und journalistische Technik (S. 421 - 434) zwingend erforderlich gewesen wäre, ebenso eine Auswertung der unter der Signatur GSI 134 hier vorhandenen "Stürmer"-Kartei, in der die Artikel des Pamphlets aus seiner Hochzeit ab 1933 nach Personen, Orten und Sachen erschlossen sind. Die Berücksichtigung dieser Unterlagen hätte den Vf. auch vor der eigenartig unschlüssigen Formulierung (S. 505) gefeit, [dass] eine direkte Verbindung vom "Stürmer" zu den Massenmorden an den europäischen Juden trotz seiner fortwährenden Vernichtungsforderungen nur schwer nachgewiesen werden kann: In E 39 finden sich hasserfüllte antisemitische Leserbriefe von Landsern und Fotos von Verfolgungsmaßnahmen gegen Juden aus dem von der Wehrmacht besetzten Osteuropa, also wusste die Nürnberger Redaktion sehr wohl, dass ihre hetzerische Saat dort mit tödlichen Konsequenzen aufgegangen war. Weshalb sie dieses Wissen nicht öffentlich machte, liegt auf der Hand. Dabei widerspricht sogar der Rückentext des Buches dem Vf., da er ankündigt, es handle davon, wie Der Stürmer dafür sorgte ein antisemitisches Klima zu schaffen, das die späteren Vernichtungsaktionen vorbereitete - wenn das keine direkte Verbindung ist!

Der vorliegende Band ist trotz des zweifellos in ihn investierten Fleißes nur eine Bestandsaufnahme und Zusammenfassung des bekannten oder vergleichsweise leicht zugänglichen Wissens über den Frankenführer (z.B. der Untersuchungsbericht der Göring-Kommission im Staatsarchiv Nürnberg) und sein unsägliches Schmierblatt mit vielen losen Enden und offenen Fragen. Eine Biografie, die Streicher und seine Bedeutung zeitgeschichtlich und psychologisch über die übliche Charakterisierung als grenzdebilen sexbesessenen Judenhasser hinaus differenzierter verortet, und eine Analyse des Stürmers unter wirtschaftlichen und medientheoretischen Aspekten sowie seines Personals bleiben ein Desiderat, wobei den Lokalhistoriker v.a. eine Darstellung der Phase von 1923 bis zur Entmachtung 1939 interessieren würde, in der das komplexe personelle Geflecht um den NS-Bonzen aufgeschlüsselt und die Nutzung des Stürmers als regionales Kampfblatt stimmig nachgezeichnet wird
.

Link:

Hier in Nürnberg steht ein Stier, der keine Sekunde wanken wird: Hitler und der Aufstieg der NSDAP in Mittelfranken 1920 - 1932


Tag:
#Roos

 

Autor: Gerhard Jochem

Datum: 27.11.2015

Titel: Achim Fuchs: Einführung in die Geschichte der Bayerischen Armee. München 2014, 203 S., Hardcover, 15 sw-Abb., 9,50 EUR, ISBN 978-3-938831-49-6

 


 

Der Autor dieser Veröffentlichung der Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns ist der ehemalige Leiter der Abteilung IV Kriegsarchiv des Hauptstaatsarchivs in München und damit ein ausgemachter Experte für die Militärgeschichte im Freistaat. Als Ausgangspunkt griff er auf sein Skript als Dozent an der Münchner Archivschule zurück, was sich im systematischen und übersichtlichen Aufbau des Bandes wiederspiegelt, der den Gegenstand nach wichtigen Entwicklungsschritten chronologisch gliedert (vom 16. Jahrhundert bis zum Tod des Kurfürsten Karl Theodor 1799, zum Tod König Max I. 1825, zum Deutschen Krieg 1866, zum Ersten Weltkrieg und 1918), wobei der Abschnitt über den Weltkrieg mit nur elf Seiten etwas knapp ausgefallen ist. Mit Zeittafeln zu den einzelnen Kapiteln, Listen und grundlegenden Dokumenten im Anhang sowie einer sachthematisch gegliederten Bibliografie wird das Buch zugleich zu einem Nachschlagewerk für die mitunter verwirrende Terminologie des bayerischen Heerwesens und seine Verfassung, Struktur, Ausbildung und Unterbringung der Truppen, Waffentechnik und Festungsbau, bietet aber auch genügend Lesestoff und interessante Detailinformationen, z.B.:

Die Feuergeschwindigkeit eines Infanteristen mit seinem Vorderladergewehr betrug bereits im ausgehenden 17. Jahrhundert zwei Schuss pro Minute (S. 24).

Zur gestellten Montur eines bayerischen Soldaten Mitte des 18. Jahrhunderts gehörten ein Paar wollene Strimpf (das ein Jahr halten musste) und Haarbänder, aber keine Unterwäsche (S. 148 f.).

Bis 1868 konnte man sich von der eigentlich existierenden Wehrpflicht durch Bezahlung eines Einstehers freikaufen (Preis: Infanterie durchschnittlich bis zu 1200 Gulden, Kavallerie 2000 Gulden), was natürlich ein Privileg der Reichen war. Der so vom Dienst Befreite wurde im schönsten damaligen Behördendeutsch Assentiert-Unmontierter, also übersetzt etwa mit Zustimmung (der Obrigkeit) nicht Eingekleideter bezeichnet (S. 67).

Ab dem 31.07.1914 wurde die Versendung von Brieftauben zur Beförderung von Nachrichten ohne Zustimmung der Militärbehörden aus Angst vor Spionage verboten. Aufgefundene oder zugeflogene Brieftauben [waren] sofort ohne Berührung der etwa an ihnen befindlichen Depeschen an die nächste Zivil- oder Militärbehörde abzuliefern (S. 165).

Durch den Einsatz des Maschinengewehrs konnten im I. Weltkrieg die horrenden Verluste der Einheiten, von denen manche gegen Ende nicht einmal mehr 20 Prozent ihrer Sollstärke hatten, soweit kompensiert werden, dass es den Entente-Mächten bis zum Herbst 1918 nicht gelang die deutschen Linien zu durchbrechen (S. 99).

Sozialgeschichtlich bemerkenswert sind die in den Quellen belegte Geringschätzung der Soldaten in der Bevölkerung und ihre schlechte Versorgung durch den Staat. Beides änderte sich in Bayern erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und stand im Gegensatz zur Durchdringung von Gesellschaft und Militär in Preußen.

Unter all den genannten Aspekten ist die Einführung in die Geschichte der Bayerischen Armee unbedingt empfehlenswert, wobei man sich fragt, warum die letzte umfassende Darstellung (acht Bände) dieses für so viele Bereiche der Landesgeschichte relevanten Themas aus dem Jahr 1933 datiert.

Link:

Zur Geschichte der Landwehr älterer Ordnung in Bayern und Nürnberg


Tag:
#Fuchs

 

Autor: Gerhard Jochem

Datum: 19.02.2015

Titel: Jürgen und Marianne Cieslik: Lexikon der deutschen Blechspielzeug-Industrie. Jülich 2014, 504 S., zahlreiche sw- und Farbabbildungen. ISBN 3-921844-73-8

 



Musterseiten aus dem Lexikon der deutschen Blechspielzeug-Industrie

 

Das großformatige, auch optisch ansprechende Kompendium der Ciesliks ist nicht nur ein Standardwerk für Sammler, sondern eigentlich ein Nürnberg-Buch (einschließlich Fürth und Zirndorf), denn das behandelte Gewerbe war vor 1945 wohl zu über 80 Prozent hier ansässig, oft in der Kombination christliche Tüftler und jüdische Finanziers, darunter das wohl bekannteste Beispiel die Gebrüder Bing, deren Konzern eine ausführliche Darstellung (S. 47 - 72) gewidmet ist. Völlig zu Recht weisen die Autoren in ihrer Einführung darauf hin, dass sie bewusst die Themen Arisierung und Wiedergutmachung nicht aussparen, wodurch sich etwa die akribisch recherchierte Geschichte von Tipp & Co. und des jüdischen Firmenbesitzers Phillip Ullmann wie ein zeitgeschichtlicher Wirtschaftskrimi liest (S. 430 - 479).

Aus den einschlägigen Biografien christlich-jüdischer Unternehmen ergibt sich der traurige Schluss, dass die Nazis das seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in der Region gewachsene, sensible und hochkomplexe Netzwerk aus Heim- und Fabrikarbeit, Groß- und Einzelhandel mit seiner für die Branche elementaren Bedeutung des internationalen Exports, Kapital und technischen Innovationen sowie persönlichen Beziehungen in ihrem blöden Rassenwahn unwiederbringlich vernichteten. Den Neubeginn 1945 hemmten die Zerstörung vieler Betriebe, Materialmangel, die verlorenen Kontakte ins Ausland und oft langwierige Wiedergutmachungsverfahren. Als Mitte der 1950er Jahre diese Schwierigkeiten überwunden waren, versetzte der Branche der beginnende Siegeszug von Plastik als dem bevorzugten Material für Kinderspielzeug endgültig den Todesstoß, dem bis Anfang der 1970er Jahre abgesehen von wenigen spezialisierten Modellbaufirmen die Blechspielwarenindustrie erlag.

Indem das Lexikon diese Entwicklungen entsprechend der vorhandenen Quellen beschreibt, leistet es einen wichtigen Beitrag zur regionalen Wirtschafts- und Sozialgeschichte, der durch Sachartikel, z.B. über Ausstellungen, Messen oder Preisgestaltung angereichert wird. Für den an einzelnen Lebensläufen Interessierten bedauerlich ist nur, dass die überwältigende Masse an biografischen Informationen nicht durch ein Namensregister erschlossen ist, der Suchende also wissen muss, in welchem Unternehmen die betreffende Person aktiv war.

Den Abbildungen kommt bei der gegebenen Thematik natürlich eine besondere Bedeutung zu, die die Autoren durch eine reiche, überlegte und liebevolle Auswahl an vielen professionellen Produktfotos, Anzeigen, technischen Zeichnungen und Portraits der Akteure umsetzen. So lässt das Ergebnis von zehn Jahren Forschungs- und Schreibarbeit insbesondere den hiesigen Leser in eine faszinierende, aber untergegangene Welt der beiden vergangenen Jahrhunderte eintauchen, als Nürnberg das Zentrum einer schon damals global agierenden Branche war, die wirtschaftlich die fränkische Heimarbeiterin mit dem verwöhnten New Yorker Großstadtkind verband, dessen Eltern sich Spielzeug Made in Germany leisten konnten.

Link:

Mehr Infos über das Buch und seinen Bezug


Tag:
#Cieslik

 

Autor: Gerhard Jochem

Datum: 24.12.2014

Titel: Gerhard Jochem, Georg Seiderer (Hrsg.): Entrechtung, Vertreibung, Mord. NS-Unrecht in Slowenien und seine Spuren in Bayern 1941 - 1945. 2. Auflage Berlin 2014, 348 S., 28 Abb.
ISBN 978-3-86331-217-6

 

 

Auch fast zehn Jahre nach dem erstmaligen Erscheinen dieses zwischenzeitlich vergriffenen Buches gehört die deutsche Besetzung Sloweniens zwischen 1941 und 1945 zu den zu wenig erforschten Aspekten der NS-Gewaltherrschaft in Europa, weshalb die Slowenische Vereinigung der Okkupationsopfer 1941 - 1945 in Kranj die Mühen einer zweiten Auflage auf sich nahm, v.a. die Suche nach Sponsoren, die sich weder auf deutscher noch slowenischer Seite einfach gestaltete.

Dank dieser Organisation ist nun der von Historikern, Journalisten und Zeitzeugen aus Slowenien und Deutschland verfasste Sammelband wieder verfügbar, der die einzige umfassende und kompakte deutschsprachige Darstellung der widersprüchlichen Aspekte nationalsozialistischer Besatzungspolitik in dem Alpenstaat und ihrer Konsequenzen im Altreich am Beispiel Bayerns bietet. Im Spannungsfeld zwischen den rassistischen Wahnvorstellungen Himmlers, den Interessen der Gauleiter Kärntens und der Steiermark als Chefs der Zivilverwaltung sowie den militärischen und wirtschaftlichen Begehrlichkeiten des Reiches wurde die einheimische Bevölkerung zum Spielball unterschiedlicher Machtfaktoren. Ihre Wege führten in die Gefängnisse und Konzentrationslager, zu den Partisanen oder zur Eindeutschung in die Verbannung fern der Heimat.

Es ist zu hoffen, dass die Neuauflage von Entrechtung, Vertreibung, Mord bei den Verantwortlichen in Deutschland endlich den berechtigten Entschädigungsforderungen der letzten noch lebenden Nazi-Opfer in Slowenien (s. Links) das Verständnis verschafft, das ihnen gebührt, und zu greifbaren Ergebnissen führt.

Links:

rijo-Index Slowenien

Nationalsozialistische Germanisierungspolitik und ihre Folgen. Das Beispiel Slowenien (Neuengammer Studienhefte 2)


Tag:
#EVM

 

Autor: Gerhard Jochem

Datum: 19.07.2014

Titel: Marina Salzner: Jüdische Zahnärzte in Nürnberg und Fürth im Nationalsozialismus. Leben und Schicksal. Diss. Erlangen 2014.

 

 

Nach den Rechtsanwälten (Reinhard Weber) und Ärzten (Bernd Höffken) gibt es jetzt über die jüdischen Mitglieder einer weiteren Berufsgruppe in der Region eine grundlegende Arbeit: Marina Salzners Erlanger Dissertation über die jüdische Zahnärzte in Nürnberg und Fürth in der NS-Zeit, deren besonderer Wert in der quellenorientierten Darstellung der Einzelbiografien liegt. Sie ist online als PDF verfügbar (s. Link).

Links:

Zum Text

Rezension Reinhard Weber: Das Schicksal der jüdischen Rechtsanwälte in Bayern nach 1933.

Rezension Bernd Höffken: Schicksale jüdischer Ärzte aus Nürnberg nach 1933.


Tag:
#Zahnaerzte

 

Autor: Gerhard Jochem

Datum: 14.06.2014

Titel: Michael Brenner, Daniela F. Eisenstein (Hg.): Die Juden in Franken. München 2012, VI, 295 S., 46 sw-Abb., ISBN 978-3-486-70100-5 (= Studien zur Jüdischen Geschichte und Kultur in Bayern Bd. 5).

 

 

Der angesichts des anspruchsvollen Titels eher schmale Band enthält 15 Aufsätze, die auf die Referate einer Tagung in Würzburg im Jahre 2007 zurückgehen. Dementsprechend folgen auf eine kurze (4 S.) aber lesenswerte Einführung durch die Herausgeber Texte von sehr verschiedenem Erkenntniswert über Teilaspekte des Themas, die im Regelfall die Lesefrüchte des jeweiligen Verfassers aus der Sekundärliteratur bieten, etwa über Nürnberg und Fürth oder die Emigration in die USA im 19. Jahrhundert, wobei die Rezeption der bei vielen Problemkreisen zu berücksichtigenden englischsprachigen und hebräischen Arbeiten unterschiedlich ausfällt, was auch für die im Internet verfügbaren Informationsquellen gilt.

Ausnahmen, die entweder bislang unbekannte Quellen oder ausländische Forschungsergebnisse in die Darstellung einbinden, sind z.B. Steven M. Lowensteins gelungene Skizze einer fränkisch-jüdischen Kulturlandschaft (S. 5 - 24), Barbara Röschs Zwischenbericht über ihre Erkenntnisse zum Phänomen der sog. Judenwege in Franken (S. 116 - 138), Edith Raims Schlaglichter auf die NS-Judenverfolgung in Franken (S. 199 - 218) oder Jim G. Tobias Chronologie der jüdischen DPs in Franken (S. 251 - 263).

Ansonsten hinterlässt das Buch leider den selbstverschuldeten Eindruck einer durch mehr Bescheidenheit vermeidbaren Mogelpackung: Bald 70 Jahre nach dem katastrophalen Ende ihrer Kontinuität in unserer Region seit dem Mittelalter leistet es keinen auch nur kursorischen Längsschnitt durch die Geschichte der Juden in Franken. Dieser bleibt ein Desiderat, bei dem man auf die Resultate der zahlreichen verdienstvollen Laienforscher vor Ort zurückgreifen könnte, um es systematisch, flächendeckend und mit einem einheitlichen Standard zu bearbeiten. Stattdessen verbreiten sich hier akademische Historiker, Judaisten, Volkskundler u.ä., die allen Ernstes in ihren Aufsätzen den Anspruch erheben Die rabbinische Kultur Frankens vom 12. bis zum 20. Jahrhundert, also von 800 Jahren, auf weniger als 20 Textseiten (macht pro Jahrhundert 2,5 S.) abzuhandeln oder mit einem Beitrag, der schon im Untertitel die Esoterik streift, indem er eine jüdische Identität in Franken vom 16. bis ins 20. Jahrhundert konstruiert, inhaltlich überwiegend aber nur die Friedhofsforschungen des Verfassers referiert, wobei er laufend sich selbst zitiert. Der Exkurs bis in die Gegenwart der jüdischen Kultusgemeinden in Franken soll wohl den Eindruck eines Kreisschlusses wecken, muss aber ob seiner Kürze zwangsläufig an der Oberfläche und im Bezug auf die jüngeren Entwicklungen im Rahmen politischer und persönlicher Rücksichtnahmen bleiben.

Bei diesem unbefriedigenden Ergebnis - wer braucht und kauft ein Hardcoverbuch, in dem es ohne verbindendes Narrativ um mittelalterliches theologisches Schrifttum aus Padua und Fürther Schnittwarenhändler im 19. Jahrhundert geht? - stellt sich grundsätzlich die Sinnfrage solcher Publikationsprojekte im 21. Jahrhundert: Mit der Drucklegung verbundener Aufwand und eine Zeitverzögerung von fünf Jahren zwischen Ereignis und Erscheinen sowie die erschwerte Auffindbarkeit von Beiträgen in derartigen Sammelwerken ließen ihre Bereitstellung online wissensfördernder (und billiger) erscheinen
.

Link:

Chronologie zur Geschichte der Juden in Bayern 906 - 1945


Tag:
#Brenner_Eisenstein

 

Autorin: Barbara Jablonska

Datum: 30.01.2014

Titel: Gerhard Jochem: Deutsch bis zum letzten Atemzug: Das Schicksal des Weltkriegsteilnehmers Mendel Nussbaum in Russland und Nürnberg. In: transversal 12. Jg. 1+2/2011, S. 157 - 164.

Der Titel des Artikels ist ungewöhnlich, zumal wenn man weiß, dass seine Quelle ein Dossier, ein Dokument aus einem Archiv und der Verfasser ein mit Dokumenten vertrauter Archivar ist. Der Titel klingt fast romantisch: Man denkt an Heinrich Heine und seine Pariser Sehnsucht. Aber was hat hier ein Dichter wie Heine zu suchen? Vielleicht doch mehr als wir denken.

Das Zitat im Titel stammt aus diesem Dossier und wurde in einem offiziellen Dokument formuliert und unterschrieben. Ein offizielles, öffentliches Bekenntnis.

Es geschah im Jahre 1930. Dem Datum nach könnte man dieses Geständnis einem naiven Enthusiasten des zunehmenden nationalsozialistischen Aufstiegs zuschreiben: Deutschland, Deutschland über alles ... - doch nichts dergleichen!

Der Mensch, der sich als deutsch bis zum letzten Atemzug bezeichnet, ist ein Jude. Er hat den I. Weltkrieg als deutsch-österreichischer Soldat überlebt, fünf tragische Jahre - eine Odyssee. Er hat seine Schätze gerettet: den Glauben an die deutsche Kultur und die Liebe für eine Stadt, wo er sich daheim fühlt - Nürnberg.

Diese Schätze sind eben in Gefahr. Von der deutschen Kultur AD 1930 wäre es besser nicht zu sprechen; die geliebte Wahl-Heimatstadt wird gerade zum Symbol des Untergangs der menschlichen Werte. Mendel Nussbaum wird kein Recht mehr haben in Nürnberg zu bleiben. Er hat noch das Glück, im letzten Moment zu entschlüpfen: Nächstes Jahr in Jerusalem ...

Der Artikel lässt uns diese Geschichte verfolgen, eine von vielen und doch einzigartig, so wie ihr raum-zeitlicher Kontext. In wenigen Worten, in knappen Sätzen werden wir in eine unerwartete Weite eingeführt. Alle Etappen dieses Lebenswegs wecken Fragen und den Wunsch mehr davon zu wissen, da man vor einer Geschichte steht, die auch unsere menschliche Geschichte ist: historische Ereignisse und ihre Gründe, ihre Entwicklungen, die Dramen, die daraus entstanden - ihre psychologischen Aspekte -, die darunter leidende und zergehende Kultur (im vollen Sinn des Wortes) melden sich im knappen Text des Artikels und des von ihm wiedergegebenen Dokuments.

Wollte man all diese Themen entwickeln, könnte ein Buch über Mendel Nussbaums Odyssee zur unersetzlichen Lektüre werden - unersetzlich für die kulturelle Grundbildung. Jeder Satz aus diesem Artikel stellt uns die Frage: Was wissen wir von den dort behandelten Themen, was wissen wir von unserer Geschichte, von unserer Welt überhaupt?

Mendel kommt im Jahre 1885 in Rzeszow zur Welt. Rzeszow ist eine kleine polnische Stadt in der Region Galizien, die damals zu KuK Österreich gehört. Er ist demnach ein österreichischer Untertan, von Geburt auf Deutsch-Österreicher. Galizien ist nicht nur ein geographischer Name aus der Vergangenheit, es ist ein bedeutendes Thema an sich, ein Kapitel der mitteleuropäischen Kultur. Hervorragende Menschen und Werke sind dort entstanden. Es war ein Kontext von einer sonderbaren natürlichen, ethnischen und kulturellen Biodiversität. Es gibt bereits einige Literatur über Galizien, aber was weiß ein Mensch von heute darüber?

Über die Juden in Galizien wäre ein eigenes Buch zu schreiben. Als anpassungsfähige Menschen seit jeher anerkannt und in dieser multiethnischen Landschaft seit dem Mittelalter ansässig, waren sie überzeugte österreichische Untertanen und fühlten sich durch die KuK Regierung geschützt. Dabei sind sie immer innerlich Juden geblieben, die die alten Riten und Bräuche getreu bewahrt haben.

Seine Schul- und die Lehrzeit als kaufmännischer Angestellter verbringt Mendel in deutschsprachigen Lehranstalten, dann wird er zum Dienst in der KuK Armee einberufen, besucht die Unteroffiziersschule und wird 1907 zum Unteroffizier befördert. Anschließend siedelt der junge Kaufmann nach Nürnberg über und gründet dort 1910 ein Geschäft. Kurzum: ein gründlich überlegter und organisierter Beginn seines Lebenslaufs.

Es ist die erste Nürnberger Phase. Der Artikel lässt uns die Vielfalt der Themen ahnen, mit denen sie erfüllt ist: Die Handelswege von Osten nach Westen, Galizien und Nürnberg - gab es auch sonst Kontakte zwischen Nürnberg und Rzeszow? Nürnberg vor dem I. Weltkrieg, seine Juden - wir wissen zu wenig darüber. Das ist immer noch die alte, schöne Stadt - die bald durch die Nazis missbraucht und zur Stadt des Stürmers wird, um schließlich fast total zerstört zu werden.

Nussbaum fühlt sich hier zuhause. Hier hat er geheiratet, hier hat er seine Familie gegründet und sich ein Nest gebaut. Er hat diese Stadt liebgewonnen. Einige ruhige Jahre hat er hier verbracht. Er fühlt sich hier bei sich, Nürnberg ist sein Zuhause, sein Ithaka. Darf ein Mensch seine Heimat wählen? Mendel wählt weder Wien noch Berlin, er wählt - und das ist höchst typisch für ihn - die deutscheste aller Städte. Aber auch sonst ist die Stadt sicher eine der schönsten und wirtschaftlich interessant. Könnte man nur mehr über seine Motive wissen!

Seit 1914 erzittert die Welt, in der Mendel Nussbaum geformt wurde. Der Unteroffizier und (noch) österreichische Untertan wird einberufen. Im Dossier finden wir alle sachlichen Angaben über seine Einberufung und seine Wege im Krieg. Der Artikel deutet uns noch andere damit verbundene und spannende Themen an wie Ostjuden in Nürnberg bis 1918 und die österreichisch-ungarischen Kriegsteilnehmer. Nun folgt der knappe Bericht über Mendels Kriegsteilnahme: Schlachten, Gefechte, Namen - alles davon in seinem Gedächtnis geblieben, uns hier und heute aber unbekannt, Tapferkeitsmedaille, Verwundung, russische Gefangenschaft, Lazarett und dann - Sibirien, jedes Wort ein Thema für sich. Schließlich - nach unmenschlichen Anstrengungen - die Flucht über Wladiwostok, Japan und Amerika - Stoff für lauter große Kapitel. Ja, das ist eine wahre Odyssee.

Am 1. Oktober 1920 kommt Mendel in seinem Ithaka - Nürnberg - an. Das Ithaka will aber seine Rolle nicht ausfüllen, ihn nicht mehr als Deutschen und Nürnberger akzeptieren. Der Rest der Geschichte - Mendels verzweifelter Dialog mit der Stadt - ist im Dossier vorhanden. Dieser Dialog liest sich fast wie das Libretto einer tragischen Oper. Mendel hat noch das Glück, aus seinem Ithaka nach Palästina entfliehen zu können. Wie gerne möchten wir mehr von diesem in Nürnberg verliebten Galizianer und seiner Familie erfahren, aber: Auf Wiedersehen, nächstes Jahr in Jerusalem ...

Links:

Jüdische Soldaten aus Nürnberg im Ersten Weltkrieg und ihre Schicksale nach 1918

Unser Blog WKI zum I. Weltkrieg


Tag:
#Nussbaum

 

Autor: Gerhard Jochem

Datum: 01.01.2014

Titel: Adam Scharrer: Vaterlandslose Gesellen. Das erste Kriegsbuch eines Arbeiters. Berlin 1930. Neuauflage Berlin (Ost) 1951. 271 S.

 

 

Wie in vielen Fällen aus der Zwischenkriegszeit sind Autor und Buch heute nahezu vergessen: Unter den Nazis wurde Adam Scharrer (13.07.1889 in Kleinschwarzenlohe bei Wendelstein - 02.03.1948 in Schwerin) verfemt und musste über Tschechien in die Sowjetunion fliehen. Nach 1945 fiel er als Sozialist im Westen der Damnatio Memoriae zum Opfer. Deshalb erlangten seine Vaterlandslosen Gesellen außerhalb der DDR selbst in antifaschistischen Kreisen nie die Bekanntheit von Remarques Im Westen nichts Neues.

Doch Scharrers Werk hat es immer noch verdient gelesen zu werden, da es auf der Grundlage eigener Erfahrungen einen authentischen Blick auf Deutschland während des I. Weltkriegs an der Front und in der Heimat aus der Perspektive der Arbeiterschaft bietet, die die Hauptlast der Kriegsanstrengung trug. In seiner erzählerisch sachlich schlichten Darstellung trübt die klare ideologische Ausrichtung des Autors als Anhänger der Spartakisten um Karl Liebknecht nie die Sicht auf die Menschen und die Bedingungen ihrer Existenz, seien es Kameraden, Genossen, ihre Frauen, ausländische Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene oder die Angehörigen des Bürgertums. Er schildert die Schrecken des Krieges im Westen und Osten ebenso unsentimental wie das Elend der Zivilbevölkerung mit Hunger, Mangel und Repression in Hamburg und Berlin am Beispiel des Schlossers Hans Betzoldt und seiner Frau Sophie. Vor allem räumt es überzeugend mit der teilweise noch heute wirksamen Legende von der klassenlosen Solidargemeinschaft des Burgfriedens auf: Ob im Militär oder in der starr hierarchisch aufgebauten Gesellschaft des Kaiserreichs lebten und litten die Menschen auf höchst unterschiedlichen Niveaus.

Vaterlandslose Gesellen endet optimistisch mit dem Sieg der Revolution im November 1918 in Berlin, was angesichts der Zeitumstände, in denen das Buch entstand - wenige Jahre vor dem legalisierten Putsch der Nazis - ebenso überrascht wie die generelle Wirkungslosigkeit der deutschen Antikriegsliteratur vor 1933. Die Mehrheit der Deutschen hatte nichts aus ihren Erfahrungen gelernt und folgte ihrem Führer sehenden Auges in eine noch größere Katastrophe, deren Motive - gewalttätiger Nationalismus und Militarismus - und Mechanismen - ein totalitärer Staat und seine Propaganda - Scharrer und andere längst analysiert und bloßgestellt hatten. Erst totale Niederlage und Verwüstung machten sie belehrbar.

Links:

Adam Scharrers Biografie bei Wikipedia

Unser Blog WKI zum I. Weltkrieg


Tag:
#Scharrer

 

Autor: Gerhard Jochem

Datum: 21.12.2013

Titel: Bernd Höffken: Schicksale jüdischer Ärzte aus Nürnberg nach 1933. Berlin 2013. 456 S., zahlr. Abb. ISBN 978-3-86331-157-5. 29,90 EUR.

 

 

Der Mediziner Höffken legt hier ein lokales Standardwerk zu seinen von den Nazis verfolgten jüdischen Berufskolleg(inn)en vor. Sorgfältig auf einer breiten Quellenbasis gearbeitet stellt er im Hauptteil des Buches in 107 Kurzbiografien und einer Liste von 26 Personen, von denen nur fragmentarische Informationen ermittelbar waren, ihre Lebensläufe und die ihrer engsten Angehörigen dar. Eine Einleitung über die Stufen der NS-Verfolgung der jüdischen Ärzte zeigt die Rahmenbedingungen, die zu Auswandern oder Ermordung führten, ein Personenregister erschließt den Band.

Höffkens Buch lässt Nürnberg mit anderen Großstädten gleichziehen, was die Aufarbeitung der Geschichte seines Berufsstandes betrifft. Zusammen mit Reinhard Webers Büchern über jüdische Rechtsanwälte und Staatsjuristen in Bayern (s. Links) verfügt die Forschung nun über eine auf Vorarbeiten wie das zweibändige Gedenkbuch für die Nürnberger Opfer der Schoa aufbauende, solide Grundlage zu den beiden wichtigsten jüdischen Akademikergruppen. Weitere Arbeiten mit diesem Ansatz sollten folgen, v.a. nach spezifischen Gewerbezweigen. Nach wie vor nicht umfassend behandelt sind die nichtjüdischen NS-Opfer, ein Zustand, der bald 70 Jahre nach Kriegsende verwundert.

Links:

Reinhard Weber: Das Schicksal der jüdischen Rechtsanwälte in Bayern nach 1933

Reinhard Weber: Rechtsnacht: Jüdische Justizbedienstete in Bayern nach 1933


Tag:
#Hoeffken

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Autor: Gerhard Jochem

Datum: 27.08.2013

Titel: Johann Fleischmann (Hg.): Mesusa 9. Carl Marschütz aus Burghaslach, Gründer der Nürnberger Hercules-Werke. Spuren jüdischer Vergangenheit an Aisch, Aurach, Ebrach und Seebach. Mühlhausen 2013. 411 S., zahlr. (Farb-)Abb. ISBN 978-3-933623-17-1.

 

 

Im neunten Band seiner seit 1998 erscheinenden Reihe Mesusa legt der unermüdliche Forscher und Publizist Johann Fleischmann anlässlich des 150. Geburtstags von Carl Marschütz (1863 - 1957) eine umfangreiche Dokumentation über das Leben des jüdischen Zweiradindustriellen und seine Familie vor, die mit Zuwanderung nach Nürnberg, wirtschaftlichem Aufstieg und Vertreibung durch die Nazis als beispielhaft für diese gesellschaftliche Gruppe gelten kann. Auf der Grundlage jahrelanger Recherchen entstand eine Grundlagenarbeit zur lokalen Wirtschaftsgeschichte, die künftig nicht nur bei der Beschäftigung mit der jüdischen Vergangenheit von Region und Stadt berücksichtigt werden muss und zum wiederholten Mal die Frage aufwirft, wie viel Einfallsreichtum und Unternehmergeist Nürnberg und Deutschland durch den Rassenwahn verloren ging.

Der Verlag testimon ist stolz darauf, zu diesem wichtigen Werk inhaltlich beigetragen und seinen Druck finanziell unterstützt zu haben.

Links:

Rezension Mesusa 8

www.mesusa.de


Tag:
#Mesusa_9

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Autor: Gerhard Jochem

Datum: 19.10.2012

Titel: Lucie Adelsberger: Auschwitz. Ein Tatsachenbericht. Hg. von Eduard Seiler. 2. verbesserte und mit einem Anhang versehene Ausgabe. Bonn 2005. ISBN 3-416-02986-0. 17 Abb., 230 S.

 

 

Lucie Adelsberger wurde am 12.04.1895 in Nürnberg als ältestes von drei Kindern der Kaufmannseheleute Isidor und Rosa Adelsberger geboren. Trotz des frühen Todes ihres Vaters 1906 erwarb sie eine damals für Frauen noch nicht selbstverständliche höhere Schulbildung, studierte in Erlangen Medizin, erhielt 1920 ihre Approbation und promovierte 1921.

Im Januar 1921 wechselte sie von Nürnberg an das Städtische Krankenhaus Berlin-Friedrichshain, wo sie als Kinderärztin arbeitete und sich zugleich immer intensiver wissenschaftlich mit der noch jungen Fachrichtung der Allergologie beschäftigte. Forschung und zahlreiche Publikationen hielten sie nicht davon ab 1925 in Berlin-Wedding eine eigene Praxis als Kinderärztin und Internistin zu eröffnen. 1927 wurde sie Mitarbeiterin in der serologischen Abteilung des renommierten Robert Koch-Instituts.

Am 31.03.1933 wurde Lucie Adelsberger wie ihre jüdischen Kollegen dort entlassen und war seitdem für ihren Lebensunterhalt allein auf ihre Praxis angewiesen, für die sie im Rahmen der allgemeinen NS-Verfolgungsmaßnahmen am 22.04.1933 die Kassenzulassung verlor. Nach dem Entzug der Approbation am 30.09.1938 durfte sie als Krankenbehandlerin nur noch jüdische Patienten annehmen.

Obwohl der materielle und seelische Druck ständig wuchs, nutzte Lucie Adelsberger die sich ihr bietenden Möglichkeiten zur Auswanderung nicht, da sie ihre chronisch kranke Mutter nicht im Stich lassen wollte. Keine zwei Monate nach deren Tod, am 17. April 1943, wurde sie von den Nazis nach Auschwitz deportiert.

Nach einer kurzen Beschreibung der Situation in Berlin bildet die Zeit bis zu ihrer Befreiung am 02.05.1945 in einem Außenlager des KZ Ravensbrück den titelgebenden Schwerpunkt ihres Berichts, der im Buch 106 Seiten umfasst. Er wurde bis Sommer 1946 im niederländischen Exil geschrieben, wo die Autorin sehnsüchtig auf die Ausreise in die USA wartete, da sie Deutschland nie wieder betreten wollte. Sie beschreibt darin hauptsächlich ihren Einsatz als Häftlingsärztin zunächst im Zigeuner-, dann im Frauenlager in Auschwitz-Birkenau unter dem Lagerarzt Dr. Josef Mengele.

Als Medizinerin hat Adelsberger eine schmerzhaft sachliche Sicht auf das Leid ihrer Schicksalsgenossen und die eigene Not aus Hunger, Krankheit und ständiger Todesangst. Obwohl sie sich selbst nur wenig Raum für emotionale oder gedankliche Ausschweifungen lässt, sind ihre episodenhaften Schilderungen immer geprägt von tiefer Empathie mit ihren Mithäftlingen. Es gibt literarisch anspruchsvollere und faktenreichere Darstellungen dieser Hölle auf Erden. Adelsbergers Text ist ein erschütterndes Kondensat des Grauens bis an die Grenze der Sprachlosigkeit der Autorin und des Fassungsvermögens des Lesers.

Hier drängt sich ein Vergleich mit unserem Buch Solange ich lebe, hoffe ich der Ungarin Ágnes Rózsa auf: Vielleicht der Altersunterschied von 15 Jahren, wohl ihre Persönlichkeiten und Temperamente, jedenfalls aber die Lebenswege als Medizinerin bzw. Lehrerin und Literaturwissenschaftlerin ließen beide Frauen andere Strategien des Überlebens und der Verarbeitung ihrer schrecklichen Erfahrungen wählen. Rózsa suchte menschliche Nähe in einer entmenschten Umwelt, flüchtete sich im Gedanken zu ihrem geliebten Mann und fand Trost und Ablenkung in allem Gedruckten, das ihr in die Hände kam, oder in der Erinnerung an einmal Gelesenes und im Schreiben. Adelsberger fühlte sich trotz rührender Gesten der Solidarität letztlich allein und in einer unerbittlichen Realität mit dem sie umgebenden Grauen konfrontiert, das nur ihr Glaube an Gott mildern konnte, mit dem sie aber oft genug haderte angesichts dessen, was er in Auschwitz zuließ.

Der Herausgeber ihrer Aufzeichnungen, ehemaliger Direktor des Instituts für Geschichte der Medizin der Uni Freiburg, hat sie mit Erläuterungen und einem umfangreichen Nachspann über das Leben der Autorin seit ihrer Befreiung versehen. Daraus geht hervor, dass Lucie Adelsberger im Oktober 1946 endlich in ihrer neuen Heimat, den USA ankam und sich dort nach einem materiell und beruflich mühevollen Beginn seit 1949 am Montefiore Hospital in New York City wieder der medizinischen Forschung zuwenden konnte, diesmal der Onkologie. Doch trotz des Namens, den sie sich auch auf diesem Gebiet erwarb, wurde sie das Trauma Auschwitz bis zu ihrem Tod am 2. November 1971 nicht mehr los. In den Selbstzeugnissen, die dem Herausgeber von Familienangehörigen und Freunden zur Verfügung gestellt wurden, treten immer wieder die seelischen und körperlichen Folgen ihrer zwei KZ-Jahre zutage. Somit bietet das Buch über den Einzelfall hinaus eine beispielhafte Biografie für die Menschen, die zwar überlebt hatten, die jedoch nach ihren fast unbeschreiblichen Erlebnissen ihrem Umfeld entfremdet und einsam blieben, während viele der Täter in die Normalität zurückkehren konnten.

Lucie Adelsberger wollte mit ihrem Bericht im Namen der Opfer Zeugnis ablegen, um die Wiederholung eines Völkermordes zu verhindern. Der Verlauf der Geschichte seit 1945 zeigt, dass ihr und anderen Zeitzeugen dies nicht gelungen ist. Trotzdem sollte ihn jeder lesen, der auch nur eine Ahnung davon bekommen will, wie die Welt der Konzentrations- und Vernichtungslager von innen aussah, vor allem heute, da selbst der Holocaust einer fortschreitenden Historisierung unterliegt. Der höchste Wert des Buches liegt in Adelsbergers manchmal sarkastischer, quälend unmittelbarer Darstellung des alltäglichen Schreckens.


Link:

Ágnes Rózsa: Solange ich lebe, hoffe ich


Tag: #Adelsberger

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Autor: Gerhard Jochem

Datum: 06.09.2012

Titel: Reinhard Weber: Rechtsnacht: Jüdische Justizbedienstete in Bayern nach 1933. München 2012. 205 S., zahlr. Abb. ISBN 978-3981380828.

 

 

Nach sechs Jahren legt der Autor nun die unverzichtbare Komplementärarbeit zu seinem Standardwerk Das Schicksal der jüdischen Rechtsanwälte in Bayern nach 1933 (s.u. Link) vor, in der er in bewährtem Formular 216 Kurzbiografien von Richtern, Staatsanwälten und Notaren im links- und rechtsrheinischen Bayern auf einer breiten Quellengrundlage bietet, wobei das konsequent durchgearbeitete Register auch die personenbezogenen Informationen im umfangreichen (135 S.) Darstellungsteil erschließt.

Die Intention des Autors für sein Buch beschreibt er im Vorwort selbst: Das Anliegen von Rechtsnacht - Jüdische Justizbedienstete in Bayern nach 1933 ist es, die Einzelschicksale zu dokumentieren. Dabei geht es nicht um eine Auseinandersetzung mit den Ursachen des Nationalsozialismus. Auch der unheilvolle Beitrag, den Teile der bayerischen Justiz zur Zeit des nationalsozialistischen Terrorregimes leisteten, liegt nicht im Fokus. Das Buch ist auch nicht die Antwort auf die Frage, wie eine ähnliche Entwicklung heute verhindert werden könnte. Dieses Buch hat vielmehr die Einzelschicksale im Blick. Es soll der Anonymisierung von Leid und Verfolgung entgegenwirken. Es soll den Betroffenen einen Namen geben, soll zeigen, dass es individuelle Menschen waren, die hier in ihrer gesamten Existenz getroffen wurden.

Wie schon bei den Rechtsanwälten greift die Darstellung, die 1860 einsetzt, dem Nationalsozialismus weit vor, um den faktischen Antisemitismus in der Staatsverwaltung bereits des Königreichs Bayern zu belegen, und geht über ihn hinaus, indem auch die Themen Wiedergutmachung und Remigration angesprochen werden. Eine der vielen Facetten, die sich so aus der Lektüre erschließen, ist die Ambivalenz einiger jüdisch versippter, also mit Rassejüdinnen verheirateter Staatsjuristen, unter denen sich durchaus Mitglieder der NSDAP und der SA befanden. Auch die juristischen und politischen Karrieren der ehemals Verfolgten in Nachkriegsbayern sind hinsichtlich ihrer Akzeptanz durch Staat und Gesellschaft aufschlussreich.

Wieder hat Weber ein Werk geschrieben, das sich ebenso zum Nachschlagen wie zum Durchlesen von Anfang bis Ende eignet. Es vermittelt die individuellen Lebensläufe, detailliertes Wissen über die administrativen Abläufe der Diskriminierung und Verdrängung der betroffenen Juristen und zeigt Parallelen und Unterschiede im Verhalten der Gruppe auf.

Link:

Reinhard Weber: Das Schicksal der jüdischen Rechtsanwälte in Bayern nach 1933.


Tag: #Weber_Staatsjuristen

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Autor: Gerhard Jochem

Datum: 28.04.2012

Titel: Wolfgang & Kevin Thomas: Jethro Tull Over Germany. Fotos und Geschichten aus über 4 Jahrzehnten. Verlag Siegener Rock-Museum, Siegen 2012. Hardcover, 256 S., 24 x 30 cm, zahlr., tw. farb. Abb. ISBN 978-3-00-037254-4, 39 EUR.

 

 

Kann ein eckiges Buch eine runde Sache sein wie der Markenzeichen-Luftballon, mit dem Ian Anderson, Frontmann und Kopf von Jethro Tull, gleich vom Cover weg den Betrachter (und im Konzert die Besucher) bewirft? Im Falle des vom Vater-Sohn-Gespann Thomas aus Siegen recherchierten, getexteten und üppig illustrierten Bandes Jethro Tull Over Germany heißt die Antwort ganz klar Ja, wobei Senior Wolfgang aus der Schatzkiste seiner Erfahrung als Musikjournalist und den in vier Jahrzehnten erworbenen Detailkenntnissen und Beziehungen schöpfen kann. Als Profi verliert er trotz der Begeisterung für den Gegenstand, die nötig ist, um innerhalb von nicht einmal 1 ½ Jahren ein solches, nicht nur im papiernen Ergebnis kiloschweres Projekt zu stemmen, nie die sympathisierend analytische Distanz, was das Gemeinschaftswerk mit Junior Kevin auch für nicht Tull-Fans lesenswert macht.

Durch diesen Ansatz erschließen sich viele zusätzliche Aspekte, die über eine reine Chronologie der Bühnenkarriere der stilbildenden britischen Classic Folk Rock Band in Deutschland hinausgehen und das Buch zu einem Streifzug durch einen Bereich der hiesigen populären Kultur machen, dessen Wirksamkeit für die gesellschaftliche und persönliche Entwicklung diejenigen, die ihn durch die Gnade der frühen Geburt in voller Blüte erlebt haben, nicht bestreiten werden: Den angelsächsischen Rock'n'Roll und seinen bis tief in die teutonische Provinz hinein bewusstseinserweiternden Aha-Effekt in Form von Konzerten, TV-Auftritten, Radiosendungen, Schallplatten und (am zünftigsten selbst aufgenommenen) Tonbändern und Musikkassetten!

In einer noch nicht reizüberfluteten Epoche, die eigentlich gar nicht sooo lange zurückliegt, musste man vom Erlebnis eines Livekonzerts seiner Helden noch wochenlang im oft drögen Alltag zehren (ohne das als Mangel zu empfinden) und verdaute so die akustischen (obligatorischer, hartnäckiger Brummton im Ohr, weil man übermütig wieder zu nahe am Boxenturm stand) und optischen (Lightshows oder die wirklich echte Monsterglocke auf AC/DC's Hell's Bells Tour) Eindrücke nachhaltiger, weshalb sie einem heute noch durch ein Gitarrenriff oder einen Basslauf abrufbar in den Knochen stecken.

Die zeitliche Dimension von Jethro Tull Over Germany wirft gerade bei einer Gruppe, die das Problem schon in ihren frühen Jahren im Titel Too old to rock'n'roll: too young to die vorwegnahm, eine weitere interessante Frage auf: Wie werden Musiker, ihre Musik und deren männliche und weibliche Anhänger gemeinsam älter, wenn es mit dem in pubertärem, nicht ganz nüchternem Überschwang formulierten Hope I die before I get old nicht geklappt hat (gottseidank, bei Keith Moon leider schon)? Die Statements der Akteure auf, hinter und vor der Bühne im Buch Thomas legen den tröstlichen Schluss nahe, dass diese natürliche Entwicklung durchaus in würdevoller Würdelosigkeit verlaufen kann, da die jeweilige Jugend weder gute Musik noch eine glaubhafte Lebenseinstellung für sich gepachtet hat. Also braucht es einem nicht bange davor zu sein, eines Tages als erster Opa mit Stereoanlage inklusive Röhrenverstärker, LP-Sammlung, Glitzer-Plateauschuhen und Queen-Poster in die Seniorenresidenz einzurücken. Das endgeile Gefühl der Verwegenheit, als Erster in der Klasse des humanistischen Gymnasiums einen Ohrring getragen zu haben, kann uns heute kein ich weiß nicht wo überall (und will es auch gar nicht wissen) gepiercter Jungspund nehmen. Und die Musik ist sowieso zeitlos, wie die zunehmende Zahl von Kids zeigt, die in Fan-Shirts von Bands (G'N'R!?) herumläuft, die sie schon pränatal erlebt haben müssen. Ich persönlich warte ja auf den ersten Fünfzehnjährigen, der sich so als Buddy-Holly-Tifoso outet.

Natürlich wird auch die im Untertitel formulierte Aufgabe, die die Autoren sich selbst gestellt haben, mühelos mittels Interviews, Augen-/Ohrenzeugenberichten, Zitaten aus authentischen Quellentexten wie Zeitungskritiken und raren Fotoaufnahmen erfüllt.

Hoffentlich wissen sich Chefcharismatiker Anderson sowie seine früheren und jetzigen Mitstreiter diesen A Tribute to zu schätzen. Für mich als stolzem Besitzer von Bursting Out, dem ersten Live-Doppelalbum von Jethro Tull in einer zeitgenössischen Pressung (vom Zweitausendeins-Versand mit abgeschnittener Cover-Ecke, also preisreduziert, mehr war damals taschengeldtechnisch nicht drin), ist es schon eine Ehre, in ihm auf S. 95 ganz bescheidenen mit einem Zitat aus einem Tagebucheintrag vertreten zu sein, in dem ich meine Eindrücke vom witzig-spektakulären Gig der Truppe in Nürnberg am 9. Juli 1988 beim Out In The Green Festival im Volkspark Dutzendteich schildere. Rock'n'Roll (und jede ernst gemeinte, gespielte und gefühlte Musik, egal wie sie heißt) is here to stay!

Links:

www.jethrotullovergermany.de

Twenty Years After: drei Konzerte im Sommer 1988 bei rijo


Tag: #Jethro_Tull

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Autor: rijo

Datum: 29.01.2012

Titel: transversal. Zeitschrift für Jüdische Studien 12. Jg. 1+2/2011 (Selbstanzeige).

 

 

Centrum für Jüdische Studien der Karl-Franzens-Universität Graz (Hg.): transversal. Zeitschrift für Jüdische Studien. 12. Jg. 1+2/2011. Graz 2011. 189 S. ISSN 1 607-629X.


Inhalt

* Klaus Hödl: Einleitende Bemerkungen des Heftverantwortlichen

* Ann-Katrin Bäumler: Nur Kopie? Zum Wiener Synagogenbau des 19. Jahrhunderts und seiner Relation zum christlichen Sakralbau

* Theodore Albrecht: Erich Leinsdorf (1912 - 1993): A Viennese Conductor Who Survived Cleveland and Returned in Triumph

* Carol Padgham Albrecht: Aus Wien nach Cleveland: The Kindertransport Story of Felix Kraus

* Susan M. Filler: Ich bestimme, wer Jude ist: Nazi Musicologists versus Early Mahler Specialists

* Jay Geller: Leaping Lizards Max: Kafka Asks Brod Asks Kraus Asks Heine a Jewish Question - And It's Not Judith Butler's

* Björn Siegel: Das "Es werde Licht" ist gesprochen; ... Die Bildungsmissionen der Israelitischen Allianz zu Wien, der Baron-Hirsch-Stiftung und der Alliance Israélite Universelle im Vergleich, 1860 - 1914

* Oded Shay: Das Pädagogische Museum in Jerusalem und sein Einfluss auf die jüdische Erziehung in Palästina

* Stephan Grigat: Dezionisierung Israels - Thesen zum linken Antizionismus im jüdischen Staat

* Jérôme Segal, Jana Schumann: Wissenschaft des Judentums, Genetik und Judaistik. Die Bedeutung von Shlomo Sands Buch Die Erfindung des jüdischen Volkes

* Gerhard Jochem: Deutsch bis zum letzten Atemzug: Das Schicksal des Weltkriegsteilnehmers Mendel Nussbaum in Russland und Nürnberg

* Rezensionen


Links:

Website des Centrums für Jüdische Studien der Karl-Franzens-Universität Graz

Persecuted, murdered, forgotten - Jews from Poland in Nuremberg


Tag: #transversal_2011

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Autor: rijo

Datum: 19.11.2011

Titel: Michael Berger, Gideon Römer-Hillebrecht (Hg.): Jüdische Soldaten - Jüdischer Widerstand in Deutschland und Frankreich. Paderborn - München - Wien - Zürich 2012, 572 S., 14 Abb., ISBN 978-3-506-77177-3.



Der von Michael Berger (Historikeroffizier im Militärgeschichtlichen Forschungsamt der Bundeswehr und Vorsitzender des Bundes jüdischer Soldaten) und Dr. Gideon Römer-Hillebrecht (Generalstabsoffizier im Bundesministerium für Verteidigung und stellvertretender Vorsitzender des Bundes jüdischer Soldaten) herausgegebene Band stellt erstmals in der deutschen Historiographie die titelgebenden Themen umfassend dar und zieht daraus Schlussfolgerungen für beide Länder und den weiteren Weg der europäischen Einigung unter folgenden Leitfragen:

Wenn europäische aufgeklärte Nationalstaaten Juden aus ihrem Nationalstaatsverständnis herausdefinierten, wofür kämpften dann jüdische Soldaten Seite an Seite mit ihren nicht-jüdischen Kameraden? Wofür kämpfte der jüdische Widerstand? Wie wird heute diese Vergangenheit im Sinne eines Erinnerns zur Gegenwart?


Aus dem Inhalt:

* Michael Berger: Dr. Ludwig Frank - Idealist, Visionär und Kämpfer für den Frieden

* Dr. Thorsten Loch: Doderer Schmul - ein napoleonischer Soldat aus Niederzissen

* Dr. Norbert Schwake: Deutsche und österreichische jüdische Soldaten an der Palästinafront im Ersten Weltkrieg

* Anne Külow: Die Dreyfus-Affäre: Antisemitismus in Gesellschaft und Armee der Dritten Französischen Republik

* Dr. Gideon Römer-Hillebrecht: Erinnerung als Widerstand: Jüdisches Gefallenengedenken - Tradition und politische Sinngebung in Deutschland

* Rainer L. Hoffmann: Jüdische Widerstandsgruppen in Deutschland - Die Herbert-Baum-Gruppe

* Dr. Peter Fisch: Deutsche Juden in der französischen Résistance

* Gerhard Jochem: Kämpfer für die Ehre und Freiheit des Menschentums: Nürnberg-Fürther jüdische Emigranten in den Armeen der Alliierten 1939 bis 1945

* Prof. Dr. Thomas R. Elßner: Bunte Wehr. Innere Führung - Ethnische, kulturelle und religiöse Vielfalt in der Bundeswehr im Spiegel der Jahresberichte der Wehrbeauftragten 1960 bis 2009

* Dr. Gideon Römer-Hillebrecht: Jüdischer Kosmopolitismus als Chance - Die Bedeutung des jüdischen Erbes für die Zukunft Europas

Links:

Website des Verlags Ferdinand Schöningh

Website des Bundes jüdischer Soldaten (RjF)


Tag: #Juedische_Soldaten

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Autor: rijo

Datum: 19.11.2011

Titel: SOS Kinderdorf e.V. im Mehrgenerationenhaus St. Leonhard-Schweinau (Hg.): Leonharder Lesebuch - meine Geschichte. Bearbeitet von Christine Gaberdan, Anton Kromer und Gabi Müller-Ballin. Nürnberg 2011, 51 S., spiralisiert, zahlr. (Farb-)Abb., 2 EUR.


Die ansprechend aufgemachte und sorgfältig redigierte Broschüre enthält, meist aus der Sichtweise der dort lebenden Menschen, Darstellungen der jüngeren Geschichte und Gegenwart eines Nürnberger Quartiers, das wegen seiner Lage in der nach wie vor abschätzig betrachteten Südstadt und der Zusammensetzung seiner Bevölkerung mit einem hohen Anteil an Flüchtlingen, Aussiedlern und Migranten als problematisch gilt. Naturgemäß will sie dieses negative Image korrigieren, ohne jedoch St. Leonhard weltfremd in eine Multikulti-Idylle umzudeuten. Der Versuch, beim ansässigen Leser Identifikation und beim auswärtigen Neugierde zu erzeugen, scheint geglückt, hoffentlich auch durch die Texte, die wir beigesteuert bzw. vermittelt haben:

* Vom Dorf in die große Stadt - meine Kinder- und Jugendjahre in St. Leonhard von Barbara Christ (S. 10 - 11)

* Mein Leben in St. Leonhard von Olga Grineva (S. 15)

* Endstation Finkenstraße: Jüdische Viehhändler in St. Leonhard und die Deportation am 10. September 1942 von Gerhard Jochem (S. 18 - 21)

* Boris Khalfin - Zum ersten Mal in Deutschland. Im Zweiten Weltkrieg von Olga Grineva (S. 22 - 23)

* Boris Khalfin - Zum zweiten Mal in Deutschland. Emigration von Olga Grineva (S. 24 - 25)


Link:

Leonharder Lesebuch (Onlinefassung & Bezugsadresse)


Tag: #Leonhard

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Autor: rijo

Datum: 27.08.2013

Titel: Johann Fleischmann (Hg.): Mesusa 8. Aus der jüdischen Vergangenheit von Walsdorf, Lonnerstadt, Aschbach und anderen Orten Frankens. Mühlhausen 2011. 391 S., zahlr. (Farb-)Abb. ISBN 978-3-933623-16-4.


Wie schon in den früheren Ausgaben hat der Herausgeber im mittlerweile achten Band der Reihe Mesusa eine Fülle vornehmlich biografischer Informationen zusammengetragen, deren Relevanz durch den Verlauf der deutsch-jüdischen Geschichte weit über die Grenzen des von ihm vertretenen Arbeitskreises Jüdische Landgemeinden an Aisch, Aurach, Ebrach und Seebach hinausgeht. Mesusa 8 bietet dafür ein besonders originelles Beispiel, indem eine genealogische Verbindung zwischen dem niederländischen Königshaus und der aus Lonnerstadt stammenden Familie Gerst nachgewiesen wird.

Die Inhalte spannen den Bogen von der akribisch anhand unterschiedlichster Quellen öffentlicher und privater Herkunft durch die Jahrhunderte und über Kontinente hinweg recherchierten Vergangenheit bis zur Gegenwart, letztere dokumentiert in Berichten über die laufenden Aktivitäten des Arbeitskreises, die ihm durch die Pflege internationaler Kontakte Zugang zu immer neuem Material und auch menschlich wichtige Begegnungen verschaffen. Hervorzuheben ist die Erschließung der dargebotenen Arbeitsergebnisse mittels eines Orts-, Personen- und Sachindex.

Fazit: Mesusa 8 ist (wiederum) Grassroots-Forschung at its best wie sie im Bereich der jüdischen Geschichte in Deutschland unzählige Nichtakademiker und Laienvereinigungen leisten, die Engagement für und Kenntnisse über ihre Heimat gepaart mit methodischem Wissen und bis zur Selbstausbeutung gehendem Eifer kennzeichnen. Diese Gruppe verdient auch für ihre Motivation und die Konsequenzen ihres Tuns - Bewahren der Spuren einer für immer vernichteten Kultur und Herstellen lebendiger Verbindungen mit den Nachkommen ihrer früheren Träger - viel mehr öffentliche Annerkennung als ihr gewöhnlich zukommt.

Links:

Rezension Mesusa 9 (2013)

Mesusa 8 (Inhalte & Artikel in Auswahl)

Rezension Mesusa 7 (2010)


Tag: #Mesusa_8

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Autor: Gerhard Jochem

Datum: 06.03.2011

Titel: KZ-Gedenkstätte Neuengamme (Hg.): Nationalsozialistische Germanisierungspolitik und ihre Folgen. Das Beispiel Slowenien (= Neuengammer Studienhefte 2). Hamburg 12/2010. ISSN 2190-3158, 72 S., 2,50 EUR.

 

 

Das (kostengünstige) Heft dokumentiert die Ergebnisse einer Tagung und einer Ausstellungspräsentation der Hamburger KZ-Gedenkstätte im Herbst 2009. Es beschränkt sich nicht auf lokale und regionale Aspekte des komplexen Themas, die selbstverständlich auch behandelt werden, sondern bietet fundierte Beiträge, die allgemein als Einstieg dienen können. Besonders zu erwähnen sind dabei die Texte von Klaus Thörner (Der ganze Südosten ist unser Hinterland - die geschichtlichen Hintergründe der Germanisierungspolitik in Slowenien), Andreas Strippel (Besatzungspolitik und Zwangsgermanisierung in Slowenien - Umsiedlungs-, Vertreibungspolitik und Selektionspraxis), Eckart Dietzfelbinger (Die Zwangsarbeit von Sloweninnen und Slowenen in Deutschland) und Sven Jacobs (Deutsche Entschädigungspolitik. Hintergrundinformationen zum Dokumentarfilm Ein Kredit ist keine Entschädigung). Die jeweiligen Literaturangaben ermöglichen jederzeit eine Vertiefung.

Als nachhaltiges Resultat der Aktivitäten in Neuengamme ist die Broschüre auch deshalb zu begrüßen, weil sie ein Kapitel der Geschichte des Zweiten Weltkriegs und seine Folgen darstellt, das außerhalb des Kreises der Betroffenen in Slowenien und einiger engagierter Menschen in Deutschland in Öffentlichkeit, Politik und Wissenschaft weitestgehend verdrängt und vergessen ist.

Link:

Zum Bestellformular des Studienheftes


Tag: #Neuengamme

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Autor: Gerhard Jochem

Datum: 31.10.2012

Titel: Stadtarchiv München (Hg.): Biographisches Gedenkbuch der Münchner Juden 1933 - 1945. Erarbeitet von Andreas Heusler, Brigitte Schmidt, Eva Ohlen, Tobias Weger und Simone Dicke. Mitarbeit: Maximilian Strnad.
Bd. 1 (A - L). 871 S., München 2003. ISBN 3-00-012626-0.
Bd. 2 (M - Z). 903 S., München 2007. ISBN 978-3-8306-7280-7.
Beide Bände enthalten zahlr. sw-Abb.

 

 

Die großformatigen und schwergewichtigen Bände des Münchner Gedenkbuches, in dessen Geleitwort der Oberbürgermeister unseren Autor, den gebürtigen Fürther Willie Glaser zitiert, sind das Ergebnis des letzten großen Projekts dieser Art in Bayern, das nach Aussage der Verantwortlichen zu Beginn der 1990er Jahre anlief. Somit konnte man sich bei Strukturierung und Erschließung der zusammengetragenen umfangreichen Sammlung biographischer Daten entweder an den bereits vorhandenen Werken orientieren oder bewusst von ihnen abgrenzen.

Letztlich wählten die Bearbeiter(innen) von den vor 1933 rund 12.000 in München lebenden Juden insgesamt 4587 NS-Opfer nach folgenden Kriterien (s. Bd. 1, S. 18) aus:

1) Juden zwangsläufig nach der rassistischen Definition der Machthaber, also nicht primär nach der Religionszugehörigkeit, um den Ursachen ihrer Verfolgung historisch gerecht zu werden.

2) Die Betroffenen müssen sich mindestens zwölf Monate in der Stadt aufgehalten haben.

Als Großgruppen fanden so v.a. diese Opferkreise Eingang in das Memorbuch:

* Die Todesopfer der Deportationen von München seit November 1941.

* Jüdische Münchner Suizidopfer 1933 bis 1945 in der Stadt und auswärts.

* Juden, die zwischen 1933 und der Befreiung in München gestorben sind, da die Herausgeber auch ihren Tod im Zweifelsfall immer im Zusammenhang mit dem Naziterror sehen.

Das Formular der einzelnen Einträge hat sich natürlich in erster Linie nach den in amtlichen Unterlagen überhaupt dokumentierten Informationen über den individuellen Lebens- und Leidensweg zu richten. Die Einwohnermeldeüberlieferung bildete die grundlegende Quelle für Namen einschließlich Mädchennamen, Berufe, Geburtstage und Geburtsorte, Angaben zu Eltern und Geschwistern, das Datum des Zuzugs und die Wohnadressen in München, ggf. die Heirat und Kinder. Auch die Deportationsdaten bzw. die Umstände des Todes in der Stadt konnten wegen der vergleichsweise günstigen Quellenlage wohl meist noch den kommunalen und staatlichen Karteien und Akten entnommen werden. Schwieriger war es, aussagefähige Kurzbiographien von Männern, Frauen und Kindern aus allen gesellschaftlichen Schichten zu rekonstruieren, die über die behördlich erfassten Eckdaten eines Lebens hinausgehen. Entsprechend der verfügbaren Dokumentation zeichnet sich in ihnen das Muster von Schulbesuch, beruflicher Laufbahn, verwandtschaftlichen Verbindungen, öffentlichen Ämtern und Ehrungen und Details der einzelnen Verfolgungsgeschichte ab.

Ergänzend zur namensalphabetischen Reihe der Einträge bietet der zweite Band neben Nachträgen und Berichtigungen zu Band 1 in einem Anhang Orte jüdischen Lebens in München 1933 - 1945 (Einrichtungen der Kultusgemeinde, Schulen, Sammellager), Deportationsziele und Todesorte der Münchner Schoa-Opfer, ein Abkürzungsverzeichnis, eine Auswahlbibliographie und die Quellennachweise.

Das Fehlen eines Geburtsorteindex ist ebenso zu bedauern wie das einer Referenzierung der verheirateten weiblichen Opfer über ihre Mädchennamen. Diese Mängel wurden in der Suchmaske der Internet-Fassung berücksichtigt. Durch die Nennung von Eltern, Kindern und Ehepartnern sind in dem Werk noch wesentlich mehr biographische Informationen enthalten, auf die aber in gedruckter Form nicht direkt zugegriffen werden kann.

Das Erscheinen der Münchner Opferliste als Buch war eine Verpflichtung, der die Stadt in inhaltlich und formal angemessenem Umfang nachgekommen ist. Seit Herbst 2012 sind Texte und Bilder auch online verfügbar.

Durch die mittlerweile vorhandenen Möglichkeiten der Datenverarbeitung und Kommunikation wird die Sammlung und Bereitstellung von Informationen über individuelle Opferschicksale zu einer Wikipedia vergleichbaren Arbeitsweise eines globalen Pools der Rechercheergebnisse führen, der, einheitlich redigiert und verifiziert, auch verlässliche quantifizierende Aussagen über das größte Verbrechen des 20. Jahrhunderts erlaubt. Bis dahin ist es nicht nur in Bayern noch ein weiter Weg, auf dem rechtliche, technische und methodische Schwierigkeiten sowie nicht zuletzt die Vorbehalte der an der Forschung Beteiligten bezüglich des richtigen Umgangs mit ihren Erkenntnissen überwunden werden müssen.

Links:

Liste der Münchner Opfer der Schoa bei rijo-research.de

Online-Version des Biographischen Gedenkbuchs auf der Website der Stadt München


Tag: #Muenchen_Gb

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Autor: Gerhard Jochem

Datum: 18.12.2010

Titel: transversal. Zeitschrift für Jüdische Studien. 10. Jg. 1/2009: Pop. Hg. vom Centrum für Jüdische Studien an der Karl-Franzens-Universität Graz. 100 S. ISSN 1 607-629X.

 

 

Mit dieser englischsprachigen Ausgabe beweisen Herausgeber und Redaktion ihre Bereitschaft zum Experiment und die von ihnen vertretene Disziplin die Bandbreite ihres Forschungsgegenstands, denn es geht in ihr nicht primär um jüdische Vergangenheit, sondern aktuelle Bilder des Jüdischseins in der nordamerikanischen Popkultur.

Zum ungewöhnlichen Konzept passt der Auftakt des Heftes von Michael Wex, der in seinem autobiografischen Text selbstironisch die inneren und äußeren Konflikte schildert, die ein Teenager aus einer orthodoxen westkanadischen Familie in den späten 1960er Jahren auszutragen hatte, wenn er mit seinen weniger religiös geprägten Altersgenossen auf Augenhöhe bleiben wollte. Also adaptierte er für sich die Mehrheitskultur, indem er etwa den Anfang von Jimi Hendrix’ All along the Watchtower, There must be some way out of here, said the joker to the thief, auf Jiddisch vor sich her sang, um im orthodoxen Sommerlager nicht aufzufallen:

Miz zayn du epes an aroysgang, zugt der batkhn oon dem gunif

Danach werden lebendig und erkenntnisreich anhand von Beispielen aus den Bereichen Musik (von Kinky Friedman bis zum Ju-Tang Clan), Kino (u.a. die Filme der Coen-Brüder, v.a. The Big Lebowski), TV (außer den u.a. Serien Welcome Back Kotter und Taxi), Comics und Belletristik neue Einblicke vermittelt und Entwicklungen dargestellt, die nur der wissenschaftliche Beobachter der US-Szene kennt. So kann den Stellenwert der Fernsehserie Seinfeld, die es in Deutschland nie über einen Sendeplatz außerhalb der Prime Time brachte, für das postmoderne Spiel mit Stereotypen und ihre Überwindung nur eine Nordamerikanerin (die Kanadierin Rosalin Krieger) ermessen, die sie sogar zu ihrem Dissertationsthema gemacht hat.

Ein besonders ergiebiges Feld für einschlägige Studien ist die Popmusik wegen der Verbindung von Musikerbiografien, Texten und den als Vehikel genutzten Musikstilen, die von Country bis Rap reichen. Überzeugend ist hier Keith Kahn-Harris’ These, dass sich letzterer jüdischerseits von der parodistischen Verwendung der Motive aus einer anderen, der afroamerikanischen Minderheitenkultur, zu einem authentischen, identitätsstiftenden Ausdrucksmittel entwickelt hat, dessen sich auch religiös motivierte Musiker bedienen, um ihre Botschaft an das junge Volk zu bringen.

Selbst dem deutschsprachigen Comic-Experten dürfte bis zu Frederek Musalls Beitrag in transversal die zentrale Bedeutung jüdischer Motive in der Marvel-Reihe X-Men entgangen sein, in dem er es nicht nur bei der titelgebenden Feststellung bewenden lässt, dass die Charaktere Kitty Pryde und Benjamin Grimm einen Davidstern tragen und der Bösewicht Magneto ein Auschwitzüberlebender ist. Der Autor differenziert zudem zwischen dem Menschenbild, das hinter diesen gebrochenen Mutantenhelden und quasi messianischen Figuren wie Superman steht, und findet hier glaubhafte Parallelen zur jüdischen Ethik.

Lesenswert ist Musalls Text schon wegen seines launigen Resümees des Films Hebrew Hammer (Regisseur: Jonathan Kesselman):

Okay, it’s a shlepp being Jewish, but it can be also quite cool - therefore a Black Pantheresque (with a raised fist and all) “Stay Jewish, Shlomo!” to our Jewish ‘brothers and sisters’ and an urban ghetto-style “Shabbat Shalom, motherfuckers!” to our enemies.

Ein Seinfeld für das TV-Programm vergleichbarer Meilenstein in der fiktionalen Literatur war Michael Chabons 2006 erschienener Kriminalroman The Yiddish Policemen’s Union, den sowohl Caspar Battagay als auch Daniela Mantovan unter Aspekten des Genres und der Sprache analysieren.

Das Heft transversal 1/2009 ist erfrischend anders, seine Inhalte sind im Gegensatz zu vielem, was die Fachrichtung im deutschen Sprachraum sonst produziert, gesellschaftlich relevant. Es stimmt nachdenklich, weil es wieder einmal belegt, was die Alte Welt an kreativem Potenzial durch die Schoa verloren hat. Man wünschte sich mehr davon, mittels Übersetzung einem breiterem Publikum zugänglich, denn schon die kurzen Zeitschriftenbeiträge zeigen über den engeren Untersuchungsgegenstand hinaus die bis heute wirksamen Verwerfungen und Verflechtungen zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Europa und Nordamerika, die uns durch die US-Popkultur weiterhin prägen.


Inhalte transversal 1/2009

Michael Wex: Camp Nyvelt

Caspar Battegay: “Ride ‘em Jewboy”: Transforming Jewish Identity in the Contemporary American Imagination

Keith Kahn-Harris: Creating Jewish Rap: From Parody to Syncretism

Rosalin Krieger: What Seinfeld Begat: Paradoxical Tropes of Jewishness in The Larry Sanders Show, Curb Your Enthusiasm and Less Than Kind

Frederek Musall: ‘Star(s) of Redemption’: The Maginei David of Kitty Pryde and Benjamin Grimm

Daniela Mantovan: Yiddish and the American-Jewish Writer

 

Links:

transversal 2/2003

Website des Centrums für Jüdische Studien


Tag: #transversal_1_2009

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Autor: Gerhard Jochem

Datum: 13.12.2010

Titel: Robert Schopflocher: Weit von wo. Mein Leben zwischen drei Welten. LangenMüller Verlag, München 2010. 288 S., 30 Abb. ISBN 978-3-7844-3236-6.


Der 1923 in Fürth geborene und in Buenos Aires lebende Erzähler Robert Schopflocher kann für sich in Anspruch nehmen, einer der letzten der deutschsprachigen Schriftsteller zu sein, die von den Nazis in die Emigration gezwungen wurden. Anders als die Angehörigen der ersten Generation, wie Lion Feuchtwanger oder Stefan Zweig, dem er noch persönlich begegnete, verdiente er sich ersten literarischen Ruhm in der Landessprache seiner neuen Heimat Argentinien, bevor er begann, seine Werke selbst ins Deutsche zu übertragen. Dennoch steht seine Autobiografie inhaltlich und sprachlich in der Tradition der Exilliteratur, ist altmodisch im besten Sinne: Schopflocher beschreibt sein „Leben zwischen drei Welten“ aus einer reflektierenden Distanz zu sich und dem Erfahrenen. Er tritt immer dann bereitwillig hinter das Narrativ zurück, wenn er aus seiner besonderen Perspektive eines gebürtigen Mitteleuropäers in Lateinamerika Wissen über die dortige Kultur und Geschichte vermitteln will, das er zurecht als in Deutschland, Österreich und der Schweiz nicht verbreitet annimmt.

Besonders wohltuend ist es, dass er für sich zu keinem Zeitpunkt die Opferrolle reklamiert, sondern nüchtern, wenn auch im ständigen, schmerzenden Bewusstsein der Schoa, die Entwicklungen akzeptiert, die ihn und seine Familie aus Deutschland vertrieben oder - auf einer ganz anderen Ebene seiner Existenz - seine Berufung zum Literaten erst über die Umwege eines Landwirtschaftsstudiums und des Kaufmannsstandes finden ließen. Dabei kann es als Ausdruck der dem Autor eigenen Bescheidenheit gelten, dass er seinen Kosmos rückblickend als aus nur drei Welten - Deutschland, Argentinien und das Judentum - bestehend beschreibt, durch den ihn sein „innerer Kompass“ zum Ziel eines erfolgreich gemeisterten, erfüllten Lebens geführt habe. Tatsächlich ergeben seine wechselnden Heimaten, Berufe, Begabungen und Sprachen eine ganze Milchstraße biografischer Motive.

Als Schriftsteller, für den eine Autobiografie quasi nur ein Nebenprodukt seines Schaffens ist, beobachtete Schopflocher von Kindesbeinen an sich und seine Umwelt genau und kritisch. Gepaart mit dem Wissen um Zusammenhänge, wenn auch manchmal zugegebenermaßen erst im Nachhinein, gewinnt so das Buch für den Leser einen Erkenntniswert, der weit über das Persönlichkeitsbild des Schreibers hinausgeht. Die Schilderung Fürths vor dem Nationalsozialismus gerät so nicht zur nostalgischen Verklärung, ebenso wenig wie die seiner Zeit im jüdischen Landschulheim Herrlingen, der Lehr- und Studienjahre in Argentinien oder seiner Tätigkeit als Verwalter der durch die Stiftung des französischen Barons de Hirsch gegründeten landwirtschaftlichen Siedlungen, zunächst vor allem für die verfolgten Juden aus dem Zarenreich, später zusätzlich für die Flüchtlinge vor dem nazistischen Rassenwahn. Diese jüdischen und deutschen Kulturinseln, auch in den Städten Südamerikas, sind mittlerweile genauso untergegangen wie das deutsche Vorkriegsjudentum. Der Autor hat beides noch selbst erlebt und lässt seine Leserschaft entlang des roten Fadens seines eigenen Lebens daran teilhaben.

Links:

Quellentexte zur Integration der deutsch-jüdischen Emigration in Großbritannien, Südamerika und den USA

Mein Leben von Walter Emil Buchmann Einstein (18.1.1916 in Nürnberg – 2.6.2007 in San José / Mendoza, Argentinien)


Tag: #Schopflocher

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Autor: rijo

Datum: 27.03.2010

Titel (Selbstanzeige): Mesusa 7. „Der Tag, an dem meine Schoah begann“. Die Geschichte des Baruch Ron. Mühlhausen 2010. 172 S., zahlr. Abb. ISBN 978-3-933623-15-7. 15 EUR.

 

 

Baruch Ron wurde im Dezember 1924 in Adelsdorf als Berthold Rindsberg geboren. Seine Eltern waren der aus Uehlfeld stammende Felix Feist Rindsberg und Selma, geb. Stühler. Sie heirateten 1922. 1923 kam der erste Sohn Siegfried zur Welt, nach Berthold 1924 wurden 1927 Rosi und 1932 Rudolf geboren.
Berthold, der nach der Schoah den Namen Baruch annahm, berichtet in seinen Erinnerungen über seine Kindheit und Jugend, über das jüdische Leben in Adelsdorf und über den wachsenden Antisemitismus. Vor Kriegsausbruch flüchtete er nach Dänemark, später weiter ins neutrale Schweden.

Während der Schoah verlor er seine Eltern und seinen jüngsten Bruder Rudolf. Seine Geschwister Siegfried-Schlomo (Israel) und Rosi (USA) konnten fliehen. Bei dem Versuch, in das britische Mandatsland Palästina zu gelangen, wurde er zunächst auf Zypern gefangen gehalten. Später wirkte er am Aufbau Israels mit - er kämpfte in der Armee und betrieb Schaf- und Viehzucht. Baruch Ron ließ sich in Yokneam in Galiläa nieder.

Links:

Mesusa 6 (2008)

Mesusa 8 (2011)

http://www.mesusa.de


Tag: #Mesusa_7

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Autor: rijo

Datum: 13.02.2010

Titel: Edgar Pielmeier (Fotografien), Heide Inhetveen (Texte): Hier ist verborgen. Impressionen vom Jüdischen Friedhof in Sulzbürg. Katalog zur gleichnamigen Ausstellung. Neumarkt (Opf.) 2009. 87 S., zahlr. Abb. ISBN 978-3-00-029257-6.

 

(Foto: Edgar Pielmeier / aus dem Katalog)


Textbeispiele

S. 36: „Gott möge sein Blut rächen.“

„Grabsteininschrift und Ornament sind da oft bezüglich des Verstorbenen unmittelbar belehrend“, schreibt der Distriktrabbiner von Neumarkt-Sulzbürg Dr. Magnus Weinberg 1928. Was also lehren uns Inschrift und Symbole auf dieser Kalkstele?

Auffällig die beiden Messer, die spitzen Dolchen gleichen. Das sind keine Mohel-Messer. Elieser Sussmann wurde in Neumarkt ermordet, erstochen. Er starb am zweiten Tag des Laubhüttenfestes 503, das ist der 15. Oktober 1742. Warum wohl?

Elieser Sussmann stammte aus einer sehr angesehenen Familie der Jüdischen Gemeinde Sulzbürg. Sein Urgroßvater war Elieser Sussmann Sulzberger (um 1600), sein Großvater Meir Sulzberger (geb. 1625), sein Vater Elieser Elijaqum Sussmann. Einer seiner Brüder, Lob Sussmann, mit dem hebräischen Namen Esra Jehuda Jakob (gest. 1762), war von ca. 1700 bis 1750 der erste uns bekannte und höchst angesehene Ortsrabbiner von Sulzbürg, ein anderer Bruder Meir (Prager) ein bedeutender Thoragelehrter, ein dritter Bruder Hirsch stand Jahrzehnte lang der Jüdischen Gemeinde als Parnoss vor.

Der Tod des Elieser Sussmann während des Laubhüttenfestes könnte mit dem Fest selbst zusammenhängen. In Stadt und Land wurde es mit ausgelassenem Treiben, Tanz, Gesang, Essen und Trinken gefeiert, und es ging oft hoch her. Vielleicht hat sich Elieser Sussmann am zweiten Festtag, einem Halbfeiertag, als Handelsmann in Neumarkt aufgehalten und dabei in Händel eingelassen? Vielleicht wurde er auf dem „Judensteig“, dem Weg der jüdischen Händler von Sulzbürg nach Neumarkt, umgebracht?

Merkwürdig mutet die randständige Position des Grabes an: einsam an der Abbruchkante. War eine gewaltsame Todesart per se anrüchig? Wurde ihm eine Mitschuld zugerechnet? Ein Studium der Gerichtsakten könnte vielleicht Aufschluss bringen.

 

S. 82: Sulzbürg - ein geeigneter Urlaubsort für orthodoxe Juden

Vom Badberg aus gesehen fügt sich der Jüdische Friedhof wie selbstverständlich in das Weichbild des Dorfes. In ähnlicher Weise war auch die jüdische Kultur innerhalb des christlichen Rahmens eingebunden.

Dies belegt ein am 2. Juni 1898 in der orthodox-konservativen Zeitschrift „Der Israelit“ erschienener Artikel. Hierin wird zunächst beschrieben, wie schwierig es für einen orthodoxen „Jehudi“ sei, ein geeignetes Plätzchen für die Sommerfrische, fernab vom städtischen Trubel, von Etikette und Eleganz, aber in guter Luft und angenehmer Umgebung zu finden. Sodann werden viele Gründe aufgeführt, warum Sulzbürg der geeignete Urlaubsort für jeden torahtreuen Juden sei: Neben seinen Naturschönheiten biete Sulzbürg eine bedeutungsvolle jüdische Geschichte. Alle wichtigen religiösen Institutionen seien vorhanden und unter der Aufsicht des amtierenden Rabbiners Dr. Weinberg. Für eine streng rituelle, aber auch gute Kost sei ausreichend gesorgt. Antisemitismus kenne man hier nicht, „der Jehudi erfreut sich höchster Achtung und allgemeiner Beliebtheit, ein Vorzug, der diesen weniger fruchtbaren, aber durch den Segen der Toleranz und Humanität beglückten Landstrich weit über andere emporhebt.“

Die Werbung für Sulzbürg war vermutlich erfolgreich. An jüdische Sommerfrischler aus Nürnberg oder Fürth erinnert man sich noch heute in Sulzbürg. Christliche Familien hielten für ihre Stammgäste „koschere Küchen“ bereit. Jedes jüdische Haus besaß eine Laubhütte, sei es im Garten oder auf dem Dachboden, in die auch christliche Passanten eingeladen wurden.

Rituelle Tauchbäder waren ebenfalls vorhanden. Das große zur Synagoge gehörende Badehaus brach erst nach der Deportation der letzten Jüdinnen und Juden von Sulzbürg zusammen und wurde in den 1950er Jahren endgültig abgetragen. Etliche Privathäuser verfügten im Keller über eine Mikwe. Und so klingt glaubwürdig, wenn der Autor des Artikels behauptet, hier in Sulzbürg könne jeder nach den Vorschriften der Torah lebende Jude bedenkenlos auch seine Ferien verbringen.

Link:

Links und Adressen zur Geschichte der Juden in Bayern


Tag: #Sulzbuerg

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Autor: rijo

Datum: 16.01.2010

Titel: Seyran Ates: Der Multikulti-Irrtum. Wie wir in Deutschland besser zusammenleben können. Berlin 2007. 282 S. ISBN 978-3-550-08694-6.

 

 

Deutsch-türkisches Tacheles

S. 202 f.: Die vielfach falsch verstandene Toleranz der deutschen Gesellschaft fördert und stärkt in extremer Weise die bereits existierenden Parallelgesellschaften sowie den Zulauf zu fundamentalistischen Glaubensgemeinschaften.

S. 214: Ich vertrete [...] die Ansicht, dass Muslime, die sich eine islamische Gesellschaftsordnung wünschen, wenn auch 'nur' für ihre Parallelgesellschaft, Deutschland bzw. Europa besser verlassen und in ein islamisches Land ziehen sollten. [...] Das bedeutet freilich nicht, dass wir keinen konservativen Islam akzeptieren dürfen. Nein, zu einer Demokratie gehört, dass wir mit Menschen in einer Gesellschaft friedlich zusammenleben, die mit uns nicht in allen Fragen des Lebens einer Meinung sind. Zu einer Demokratie gehört es aber auch, dass dieser Freiheit Grenzen gesetzt sind. Unser Grundgesetz, unsere Verfassung setzt diese Grenzen.

S. 217: Was wir brauchen, ist ein islamischer Luther. Wobei es wahrscheinlich nicht einem einzigen Menschen vorbehalten sein wird, den Islam zu reformieren, es werden viele Männer und Frauen gemeinsam daran arbeiten müssen. Und im Gegensatz zur Reform des Christentums werden die Frauen die treibenden Kräfte sein.

S. 242: Die Identifikation mit einem Land kann ohne Kenntnis der Sprache nicht gelingen. Daher bin ich unbedingt dafür, in unseren staatlichen Schulen eine Deutschpflicht einzuführen. Damit muss und darf keineswegs der Verlust der „Herkunftssprache“ einhergehen. Ein demokratisches Land wie Deutschland, das sich auf dem besten Weg befindet, ein Einwanderungsland zu werden, muss auch die Verantwortung dafür übernehmen, dass eine Sprache, die von seiner Bevölkerung gesprochen wird, nicht untergeht. Es ist an der Zeit, den Sprachreichtum, der in diesem Land vorhanden ist, als außerordentliche Ressource zu begreifen und dem in den Curricula der Schulen Rechnung zu tragen.

S. 245: Dass die Beherrschung von Sprachen und die Fähigkeit zum Sprachenlernen Kompetenzen sind, die einem sowohl private als auch berufliche Perspektiven eröffnen, ist mittlerweile allgemein bekannt. Deswegen ist überhaupt nicht einzusehen, dass Kinder, die ganz normale staatliche Schulen besuchen, davon ausgeschlossen sein sollten. Mehrsprachigkeit darf kein Privileg von Akademikerkindern sein.

S. 247 f.: Wir leben in Deutschland in einer multikulturellen Gesellschaft und befinden uns auf dem Weg zu einer transkulturellen Gesellschaft, in der die Kulturen nicht mehr für sich nebeneinander existieren, sondern sich wirklich mischen und dabei etwas Neues entstehen lassen. Und meiner Meinung nach ist das auch gut so. Vielfalt ist Reichtum. Auch Reichtum an Sprachen. Jedes Integrations- und Bildungskonzept muss dieser Tatsache Rechnung tragen. Das heißt für Deutschland unter anderem ganz konkret, dass Deutsche und Türken in der Schule Kenntnisse voneinander vermittelt bekommen müssen. [...] Integration und interkulturelle Kompetenz sind nicht nur von einer Seite zu verlangen.

S. 248: Die Wiege von Fremdenfeindlichkeit und Rassismus ist meist die Familie. Hier werden Verhaltensweisen und Einstellungen vermittelt und geprägt. Die Schule hat gegenzusteuern, Korrekturen vorzunehmen und den Kindern Werte und Modelle für ein tolerantes, verantwortliches und am anderen interessiertes Leben zu vermitteln.

 

Links:

rijo: Helden der Großstadt: Der türkische Straßenkehrer

teribloG: TÜRKIYE! oder als der Dutzendteich zum Roten Meer wurde


Tag: #Ates

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